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SWR2 Wort zum Tag


Nach der Benediktion, der Einweihung, des neuen Kunstwerkes im Südquerhaus des Kölner Doms wird eine große Weihrauchschale entzündet. Das Licht der Mittagssonne, gebrochen durch 11500 Glasquadrate, materialisiert sich in den Schwaden von Weihrauch und taucht sie in ein Meer aus Farben.
22 Meter hoch und 113 Quadratmeter groß ist das neue Glasfenster, das der Maler Gerhard Richter für den Kölner Dom entworfen hat. Gerhard Richter ist einer der größten deutschen Maler der Gegenwart. Trotzdem bewies das Bistum Köln Mut ihn ein Glasfenster im Dom gestalten zu lassen. Denn Gerhard Richter widersetzte sich dem Wunsch ein frommes Fenster zu gestalten. Das Domkapitel hätte gerne figürliche Darstellungen von Heiligen und Märtyrern des 20. Jahrhunderts gesehen. Bekommen hat das Domkapitel, und mit ihm die staunende Öffentlichkeit, keine Heiligenfiguren, sondern ein ekstatisches Leuchten. Licht trunken von Licht. Ein überwältigendes Fest der Farben. Gerhard Richter sah offenbar seine Aufgabe als Künstler darin Geburtshelfer des Lichtes zu sein. Licht werden zu lassen, was es ist. Ein Farbleuchten wie am ersten Schöpfungstag als Gott sprach: „Es werde Licht“.
Also doch ein frommes Fenster? Fromm auch ohne die Darstellung der Märtyrer und Heiligen des 20. Jahrhunderts? Wenn fromm heißt, Licht als Schöpfermacht erfahrbar zu machen, die von Gott ausgeht, so wie das die großen gotischen Kathedralen tun, dann ist dieses Fenster fromm. Dann will es nicht die Kreativität des Künstlers verherrlichen, sondern die schöpferischen Kraft des Lichtes. Dazu passt, dass Richter die Anordnung der Farbquadrate nicht selber komponierte. Er überließ sie einem Zufallsgenerator und der besorgte genau das richtige Resultat. Bescheiden tritt der Künstler hinter seine Aufgabe zurück. Und die heißt: das Rechte zu finden, nichts zu erfinden. Die Leuchtkraft des vorhandenen Lichtes zu betonen, nicht künstliches Licht neu zu schaffen.
Gerhard Richter war in der Tat am Tag der Einweihung gewohnt bescheiden und sagte, er sei „ein bisschen überwältigt“. So bescheiden bin ich auch und lasse mich gerne im Südquerhaus des Kölners Doms „ein bisschen überwältigen“ von diesem Leuchten aus Licht.
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