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SWR2 Wort zum Tag

(Jes 25, 6-10a) 

Es gibt in der Bibel Bilder, die ich sofort verstehen und nachvollziehen kann. Ein solches Bild finde ich in einem Text des Propheten Jesaja. Er ist fast zweieinhalbtausend Jahre alt. Darin ist die Rede von einer „Hülle, die alle Nationen in Dunkel hüllt“, von einer „Decke, die alle Völker bedeckt“. Ja, das kenne ich gut, dieses  lastende Dunkel, das das Leben zu ersticken droht; die unseligen Kriege, die kein Ende nehmen wollen; den Terror, der die Religion missbraucht; die Sehnsucht ungezählter Menschen nach Sicherheit und Heimat.   Wie sehr sich doch die Erfahrungen der Menschen gleichen – damals wie heute. 

Es ist für mich deshalb unvorstellbar, wenn ich dann lese: Gott wird dem ein Ende setzen, er wird Licht in das Dunkel bringen. „Er zerreißt die Hülle, die alle Nationen in Dunkel hüllt, und die Decke, die alle Völker bedeckt“, heißt es bei Jesaja; und sogar noch viel mehr: „Er besiegt den Tod für immer. Gott der Herr wischt die Tränen ab von jedem Gesicht.“ Und wie oft in der Bibel wird das Bild eines Festmahls beschworen, das die Menschen über alle Grenzen und Feindschaften hinweg an einem gemeinsamen Tisch versammelt. 

Und ausgerechnet an einem Ort soll dies geschehen, der für uns alles andere als ein Ort des Friedens ist: auf dem Zionsberg hoch über Jerusalem; an dem Ort, der für das biblische Volk Israel das Symbol schlechthin für einen allumfassenden Frieden ist und der doch heute für einen hasserfüllten Konflikt steht. Welch tragischer Widerspruch! 

Die Friedensvisionen der Bibel spiegeln eine Sehnsucht, die  seit jeher die Menschen bewegt: die Sehnsucht nach einer Welt ohne Krieg, Leid und Tod. Aber wer wagt noch an solche Visionen zu glauben?  Für den Glauben der Bibel freilich sind sie mehr als nur Bilder einer Sehnsucht. Sie sind Ausdruck eines fast unglaublichen Gottvertrauens. Es heißt da: „An jenem Tag wird man sagen, seht, das ist unser Gott, auf ihn haben wir unsere Hoffnung gesetzt, er wird uns retten.“ 

Solcher Glaube ist eine Zumutung, auch für mich. Aber das heißt ja auch: er macht mir Mut.

 

 

 

 

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