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SWR2 Wort zum Tag

Wir können doch nicht das Elend der ganzen Welt auffangen. Wir können doch nicht die ganze Welt retten. Wie oft höre und lese ich das in letzter Zeit. Dahinter können unterschiedliche Motive stehen: Manche sagen das, weil sie von vorne herein gar nicht bereit sind, ihre Augen und ihre Herzen für das Leid anderer Menschen zu öffnen. Mit solchen Aussagen kann ich ganz gut rechtfertigen, dass ich eigentlich in Ruhe gelassen werden will. Manchmal höre ich es auch von Menschen, die sich hilflos und ohnmächtig fühlen. Ich kann das gut verstehen: So fühle ich mich manchmal auch. 

Die ganze Welt retten? Mir fällt bei dieser Redewendung eine Begegnung mit Sr. Justina ein. Ich habe die deutsche Ordensschwester in Johannesburg in Südafrika kennen gelernt. Seit 56 Jahren lebt und arbeitet sie dort. Sie sagt Sätze wie: „Es gibt keine Fremden, es gibt nur Brüder und Schwestern, die ichbisher noch nicht getroffen habe.“ Sie sagt von sich auch ganz einfach: „Ich liebe Menschen.“ Und so wie sie das sagt, nehme ich es ihr voll und ganz ab. 

Sr. Justina erzählt, jemand habe sie nach einem Vortrag in ihrer deutschen Heimat gefragt: „Wie halten Sie das aus mit der ganzen dramatischen Situation in Afrika?“ Sie hat ihm geantwortet: „Wissen Sie, ich bin Gottseidank nicht für ganz Afrika zuständig. Ich bin auch nicht für Südafrika zuständig. Ich bin nicht einmal für Johannesburg zuständig. Ich bin nur zuständig für den Platz, an den Gott mich jetzt gestellt hat. Und ich bemühe mich, an diesem Platz meiner Verantwortung gerecht zu werden und das zu tun, was mir möglich ist.“ 

Für mich ist das die Haltung einer sehr freien und souveränen Persönlichkeit. Ich kann nicht die ganze Welt retten und ihr Elend auffangen, natürlich nicht. Niemand kann das. Aber ich bin in meinem Leben an einen ganz bestimmten Platz gestellt. Und bin mit ganz bestimmten Begabungen und Fähigkeiten ausgestattet. So wie wir alle.  Und ich muss mich ehrlich fragen, ob ich versuche, sie so gut wie möglich auch anderen Menschen zur Verfügung zu stellen. Dann rette ich sicher nicht die ganze Welt, aber ich kann die kleine Welt in meiner Reichweite wenigstens ein bisschen verändern. 

Sr. Justina ist für mich in zweifacher Weise eine Vorbild: Sie ist bereit, zu geben, was sie kann. Und sie akzeptiert, dass dies begrenzt ist. Beides ist letztlich Ausdruck von Vertrauen.

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