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SWR4 Abendgedanken

Wie finde ich einen gnädigen Gott? Diese Frage hat Martin Luther unglaublich bewegt. Denn zu seiner Zeit hatten die Menschen Gott vor Augen, der die Sünder bestraft. Und als Sünder musste sich eigentlich jeder fühlen. Die Kirche hat den Menschen Angst gemacht.
Martin Luther hatte immer das Gefühl, dass er es diesem Gott eigentlich nie recht machen konnte. Und das obwohl derselbe Gott ihm doch das Leben geschenkt hat. Das wollte und konnte er einfach nicht glauben. Und eines Tages hat er begriffen: Jesus Christus hat den Menschen von der Liebe Gottes erzählt. Dafür ist er sogar gestorben. Damit alle glauben können: Gott liebt seine Menschen. Und genau deshalb ist er gnädig, wenn einer einen Fehler gemacht hat.
Zugegeben. Diese Frage von Martin Luther nach einem gnädigen Gott, spielt heute für die meisten keine Rolle mehr.
Und trotzdem ist das Thema Gnade und Rechtfertigung hochaktuell. Denn es jemandem Recht machen zu müssen. Das kenne ich nur zu gut. Nicht Gott gegenüber. Aber meinen Mitmenschen gegenüber. Ich muss mich ständig rechtfertigen. Nein Chef, ich habe das so entschieden, weil... . Ja Schatz, ich habe an das Geschenk für Tante Hedwig gedacht. Ja ich weiß, dass ich es versprochen habe, aber ich habe jetzt nun mal am Wochenende keine Zeit.
In unserer Gesellschaft müssen wir uns ständig rechtfertigen und hoffen, dass man gnädig mit uns umgeht.
Aber – kann ich mir das heute überhaupt noch leisten? Darauf zu hoffen, dass man gnädig über einen Fehler von mir hinwegsieht? Und wie gehe ich mit Fehlern von anderen um?
Ich meine, wenn ich heute z.B. mit einem Arzt unzufrieden bin, dann gehe ich da nicht wieder hin. Und ein Fehler im Job kann heute schon mal den Arbeitsplatz kosten. Und wie viel Reibung verträgt eine Freundschaft oder eine Beziehung, bevor ich sie aufgebe?
Wie finde ich einen gnädigen Menschen? Das ist glaube ich eher die Frage unserer Tage. Und was kann ich dafür tun?
Meine Antwort ist: Gott geht barmherzig mit mir um. Und vielleicht schaffe ich es ja, jeden Tag ein bisschen was davon meinen Mitmenschen weiter zu schenken. Damit sie sehen, wie gut das tut, wenn einer gnädig zu mir ist.

 

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