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SWR4 Abendgedanken BW

Muss es eigentlich so sein, dass man mit dem Älterwerden immer misstrauischer wird? Klar, man macht so seine Erfahrungen, wird so manches mal auch hereingelegt, vielleicht auch, weil man zu 'naiv' ist? Aber eigentlich hatte ich darauf gehofft, dass mir mit den Jahren 'Altersweisheit' geschenkt wird.
Volksweisheiten wie "traue keinem" helfen nicht weiter und verstärken das Misstrauen. Deshalb habe ich nach "Weisheit von oben" gesucht und bin auch gleich fündig geworden: "Die Weisheit von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei."
Als junger Mensch bin ich auf andere zugegangen "lauter", kindlich, auch naiv und habe mir "blaue Flecken auf der Seele" geholt. Aber das meint diese Art Weisheit auch gar nicht. Wie kann einer gütig bleiben, lauter und friedfertig, wenn er doch immer wieder ausgenützt wird und betrogen?
Seit langem kenne ich einen heute sehr alten Mann, der nicht bitter oder misstrauisch geworden ist. "Der lebt seinen Glauben", finde ich. Wenn er Entscheidungen zu treffen hatte, tat er das in großem Gottvertrauen.
Einmal wurde er ziemlich übel hereingelegt. Da war er nicht gleich "friedfertig und gütig", sondern hat seinem Ärger und seiner Enttäuschung Luft gemacht. Damit aber ließ er es dann auch gut sein. Er ist an solchen Verletzungen nicht hängen geblieben. Er ging in seinem Gottvertrauen seinen Weg weiter und der üble Betrug blieb nicht an ihm haften.
Der ist nicht bitter geworden und nicht misstrauisch, der hat die "Weisheit von oben".
Das ist es, was ich von dem alten Mann noch lernen kann und will: Nicht hängen zu bleiben am Ärger und Schmerz über vergangene Verletzungen. Denn damit reiße ich mir immer neu die Haut auf.
Mit Gottvertrauen weiterziehen und die Verletzungen zurücklassen. Wie oft schon habe ich gedacht: "Da kommst du nicht drüber weg!" Und dann erfahren, dass Gott mich hindurch bringt.
Mit Misstrauen dagegen verhindere ich nicht, dass mich vielleicht wieder einmal jemand hereinlegt. Ich hindere mich nur am Gottvertrauen, das mich doch weiterbringt.
"Die Weisheit von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei."
Mit Gottvertrauen weiterziehen - das mit der Altersweisheit könnte doch noch was werden. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2062