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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Warum soll ich Menschen töten? Warum soll ich Kinder töten?“, fragt Ali in die Runde. Seine Zuhörer sind Jugendliche, die sich auf die Firmung vorbereiten. Man kann eine Stecknadel fallen hören. Ali kommt aus Syrien. Mit gerade Mal 16 Jahren flieht er ganz allein aus seiner Heimat – da ist er genauso alt wie die Jugendlichen, die ihm an diesem Abend im Pfarrsaal gegenübersitzen. „Wir sind hier, weil uns deine ganz konkrete Geschichte interessiert“, sagen Milena, Daniel und all die anderen Firmbewerber.
Also beginnt Ali zu erzählen. Wie das für ihn war, als der Krieg begann und ihr Haus zerstört wurde. Alle seine Zukunftspläne wurden zunichte gemacht. Auch er sollte bald zur Waffe greifen. Doch Ali wollte niemanden umbringen. Und er wollte auch nicht selbst sterben. Also hatte er nur eine Chance: die gefährliche Flucht nach Europa.
Obwohl die Jugendlichen einen langen Schultag hinter sich haben, hören sie dem jungen Syrer gebannt zu. Ali schildert nun seine dramatische Flucht: Zuerst ist er wochenlang zu Fuß unterwegs. Dann wird er in einem Kofferraum versteckt, bis er keine Luft mehr bekommt und schließlich den Sitz des Autos eintritt. Mit 180 Personen überlebt er auf einem Boot, das gerade mal 15 Meter lang ist. Es gibt kaum etwas zu trinken. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens und ich wünsche niemandem, dass er das erleben muss, aber jeden Tag erleben es sehr viele Menschen“, sagt Ali nachdenklich.
Nachdenklich sind auch die Gesichter der Firmbewerber. Sie stellen Ali ihre Fragen: „Wie war das für dich, als du hier ankamst in einem fremden Land, ohne die Sprache zu kennen?“ Und: „Wie begegnen dir die Deutschen?“ In dem Dialog treffen nicht länger Flüchtling und Firmbewerber aufeinander – vielmehr entwickelt sich ein Gespräch von Mensch zu Mensch, von Ali zu Jannik und von Annika zu Ali.
Die Jugendlichen sind bewegt: Felix, Pauline und die anderen meinen: „Wir hören in den Nachrichten jeden Tag neue Zahlen. Aber heute Abend haben wir gefühlt, was Flucht bedeutet.“ Und einige beginnen zu überlegen, was sie für Asylbewerber machen können.
Heute ist der bundesweite Tag des Flüchtlings. Die katholische, evangelische und orthodoxe Kirche machen sich gemeinsam dafür stark, Flüchtlinge hier willkommen zu heißen. Sie als Menschen mit ihrer eigenen Geschichte zu sehen. Die Jugendlichen haben an diesem Abend damit schon mal angefangen.

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