Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Erinnern Sie sich noch an Kain? Das war der, der seinen Bruder Abel erschlug. Kain fühlte sich von Gott benachteiligt und war neidisch geworden auf seinen Bruder. Es kam zum Brudermord.
Eine archaische Geschichte, hinter der auch ein Konflikt zwischen unterschiedlichen Lebensformen zu erkennen ist. Abel, der Schäfer, der von der Hand in den Mund lebt, noch ganz nahe an paradiesischen Zuständen. Kain hingegen, der Landmann, der im Schweiße seines Angesichts den Boden bestellen muss und sich abrackert.
Für den Kieler Kulturphilosophen Ralf Konersmann ist die mythologische Figur des Kain der Urtypus dafür, wie die Unruhe in die Welt kam. Seinen philosophischen Essay mit dem Titel „Die Unruhe der Welt“ habe ich in den zurückliegenden Sommerwochen mit Spannung gelesen.
Mit Kains Gewalttat, so Konersmann, bricht für die Menschheit eine völlig veränderte Realität an. Denn ihn ereilt nach seiner Bluttat das göttliche Urteil: „Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.“
Mit der Ruhe des Paradieses ist es damit endgültig aus und vorbei. Die Menschheit tritt aus der paradiesischen Ruhe in den Status fortwährender Unruhe. Bis auf den heutigen Tag!
Dem Philosophen Konersmann hilft die biblische Geschichte, unser modernes Leben zu erhellen. Wie es kommt, dass Menschen – im Gefolge von Kain - ins Land Nod, ins „Land der Unrast“, geraten sind, von dem die Bibel spricht.
Konersmann fragt weiter: was musste passieren, damit aus der Unruhe, die frühere Zeiten als Bürde und Verhängnis empfunden haben, in modernen Zeiten die positive Vision des permanenten Aufbruchs wurde? So dass selbst da, wo therapeutische Entschleunigungs- und Entspannungsangebote helfen sollen, das Hintergrundrauschen der Unruhe unüberhörbar bleibt.
Mich hat diese Beschreibung unseres Lebensgefühls nicht zuletzt darum fasziniert, weil ich sie auch als eine Anfrage verstehe. Eine Frage und Suche nach Haltungen und Traditionen, die unserem Leben wieder mehr Zeit, Ruhe und Tiefe geben können. Als Hinweis auch, die Qualität unseres Daseins nicht nach seiner Drehzahl und seinem Tempo zu bemessen.
Sondern sich genau der Frage zu stellen, der Kain gerade ausgewichen ist: Kain, wo ist dein Bruder Abel? Dafür braucht es Ruhe und Aufmerksamkeit. Um im Gesicht meines Mitmenschen meinen Bruder und meine Schwester zu erkennen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20469