Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Bei einer Ausstellung habe ich sie entdeckt: Fabeln des griechischen Dichters Äsop, übersetzt und gedeutet von Martin Luther. Luther war für einige Zeit dazu verurteilt, nur Beobachter der Reformation zu sein. Er saß in Coburg fest. Nach Augsburg zum Reichstag durfte er nicht reisen. Das wäre zu gefährlich gewesen. Dieses Mal hat Luther nicht die Bibel übersetzt, wie Jahre zuvor auf der Wartburg. Dieses Mal sind es schlichte Fabeln. Nichts Theologisches. Einfache Lebensweisheiten, eingepackt in Gespräche zwischen Tieren.
Mir hat es die Fabel vom Wolf und vom Lamm angetan. Zwischen den beiden geht es zu wie zwischen Menschen. Zwischen Menschen, die Streit suchen. Und wo sie keinen finden, wird er eben inszeniert. Was immer der Wolf sagt, dient nur einem Ziel: Das Lamm soll provoziert werden. Es soll das Wasser im Bach verschmutzt haben, obwohl es weiter unten trinkt als der Wolf. Es soll Wiesen und Äcker abgeweidet haben – zu einer Zeit, als es noch nicht einmal geboren war. Und was immer das Lamm zu seiner Verteidigung vorbringt - es wird zum Anlass zu neuem Streit.
Jeder beschwichtigende Satz von Seiten des Lammes wird zur Ursache neuer Drohungen. Am Ende wird das Lamm vom Wolf gefressen. Und Luther fügt als Lehre aus der Fabel hinzu: Wenn der Wolf will, dann ist das Lamm im Unrecht! Viele Wölfe treiben unter uns ihr Unwesen. Und manchmal muss ich mir auch Mühe geben, nicht selber einer zu werden.
Im Buch des Propheten Jesaja wird eine Zukunftsvision beschrieben. Eine Gegen-Vision zu der Welt, von der die Fabel berichtet. Da heißt es: Die Wölfe werden zusammen mit den Lämmern wohnen. Kühe und Bären weiden auf derselben Wiese. Und ein kleines Kind streckt seine Hand in das Loch der Otter, ohne dass es ihm schadet. (Jesaja 11,6-8)
Sehnsucht und Ahnung, wie es sein könnte, in einem. Dass Wölfe Lämmer fressen, mag aussehen wie ein Naturgesetz. Aber die Welt, wie Gott sie gemeint hat, sieht anders aus. Der Wolf wird behutsam nachfragen, wenn das Lamm seine Stimme erhebt. Gott selber wird mitten zwischen Wölfen und Lämmern wohnen. In meiner Nachbarschaft. Diese Welt will ich entdecken. Indem ich den Wölfen womöglich aus ihrer Rolle heraushelfe. Oder indem ich ihrem bösen Treiben entgegentrete. Vor allem, indem ich helfe, dass die Lämmer, die Opfer, zu ihrem Recht kommen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20422