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SWR2 Wort zum Tag

der Welt wäre

„Ja, wissen sie denn überhaupt, wo Sie da anrufen?!“, fragt mich am anderen Ende des Telefons eine Männerstimme. Ich bin ziemlich verdutzt. Ich habe nach Ordensgemeinschaften im Internet gesucht und den Kartäuserorden gefunden. Eine Telefonnummer in Leutkirch. Hach, da rufe ich einfach mal an.

„Wo genau bin ich denn nun rausgekommen?“ frage ich ein wenig ahnungslos. Die Männerstimme antwortet: „Bei den Kartäusern. Wir sind Eremiten. Wir leben mitten im Wald. Sie finden uns nie. Um unser Kloster ist eine dicke Mauer herum. Wir sind total versteckt.“ Und ich höre ihn schnaufen.

Ich bin wirklich überrascht. Einsiedler bei uns in Württemberg. „Ja, wir sind die einzige deutsche Niederlassung hier.“ Warum weiß ich das nicht, frage ich mich? Als ob er Gedanken lesen könnte, antwortet er mir: „Wir machen halt keine Werbung für uns. Wir brauchen das auch nicht. Wir haben genügend Nachwuchs. Gott schickt uns immer wieder neue Mitbrüder. Wir sind zur Zeit 36 hier.“

„Und was machen Sie den ganzen Tag so“, bohre ich weiter. „Ja, - beten“, antwortet er. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Wir beten für die Menschen da draußen.“ „Kurz vor Mitternacht ist der erste Gottesdienst. Und dann folgen im Laufe des Tages noch zwei weitere“, erzählt er mir. Den Rest des Tages arbeiten die Mönche in der Bäckerei, in der Wäscherei, in der Werkstatt, in der Bibliothek oder im Garten. „Wir versorgen uns komplett selbst“, erzählt er weiter.

So ein Leben als Einsiedler in der Abgeschiedenheit kann ich mir kaum vorstellen. Obwohl es auch irgendwie verlockend klingt. In meiner Welt, wo alles schnell gehen muss, und ich mir kaum Ruhe und Stille gönne, klingt das Leben hinter der Klostermauer wie ein entspanntes Gegenprogramm. Diese 36 Kartäuser in Leutkirch machen es irgendwie richtig. Sie leben ihr Leben ganz mit - und für Gott. 

Sie haben kein Internet, kein Radio, kein Fernsehen, keine Medien. Und nur zweimal im Jahr gibt es Besuch. Am Sonntag gehen alle gemeinsam vier Stunden lang in den Wald spazieren. Da dürfen sie dann auch miteinander reden.

Eine Frage hatte ich dann noch: „Und warum haben Sie dann überhaupt ein Telefon?“ Der Kartäusermönch antwortet freundlich: „Ja, um unsere vielen Mitbrüder anzurufen. Es sind rund 500 - in Italien, Frankreich, Spanien zum Beispiel und ein paar in Amerika.“

Mich fasziniert, dass Menschen alles hinter sich lassen können und ein neues Leben beginnen, eines, das sie glücklich macht, auch wenn dicke Mauern drum herum sind.  „Alles Gute Ihnen“, „Gottes Segen für Sie“, wir verabschieden uns voneinander. „Und danke, dass Sie für uns beten“, rufe ich ihm noch nach. Aber er hat schon aufgelegt.

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