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SWR2 Wort zum Tag

Wer liebt, sucht im letzten einen Gott. Dieser Satz des Theologen Roman Bleistein provoziert mich. Auf Anhieb finde ich ihn übertrieben und auch übergriffig im Blick auf Menschen, die nicht glauben. Trotzdem habe ich weitergelesen. Bleistein schreibt:

„Wer liebt, sucht im letzten einen Gott, das heißt einen, der ihn so erfüllt, dass weder Maß noch Grenze vorhanden sind: also Ewigkeit, Unendlichkeit. Der eine Mensch verheißt dem anderen eine solche Erfüllung. Welcher Mensch kann dafür einstehen?
Die erste Tugend der Liebe heißt: das Erbarmen. In ihm vergebe ich dem anderen, dass er mein Gott nicht sein kann.“

Was Bleistein hier beschreibt, habe ich auch schon erlebt: Von einem andern Menschen alles zu erwarten, das ganze Glück, den festen Halt, vor nichts mehr Angst haben und mich nie einsam fühlen. Aber das funktioniert nicht. Das kann kein Mensch einlösen. Niemand kann für einen andern alles sein. Und niemand kann im andern aufgehen. Das klingt nicht gerade romantisch. Aber Bleistein zeigt einen Ausweg, der gleichzeitig eine Aufgabe ist. Erbarmen haben, dem andern vergeben, daß er mein Gott nicht sein kann. Den andern nicht mehr überfordern, ihn nicht vergöttern, den Göttergatten – unsere Sprache verrät hier einiges. Vielmehr der Liebe ein menschliches Maß geben. Mich freuen, daß der andere bei mir ist, als Mensch mit seinen begrenzten Möglichkeiten. Zu unserer menschlichen Liebe gehört es, daß wir irritiert sind am andern, daß wir uns enttäuschen, ärgern, und bei aller Offenheit auch fremd bleiben, daß wir einander genauso tief lieben wie verletzen können. Und eben, daß wir einander unter Druck setzen mit unsern viel zu hohen Erwartungen.

Ich bin dankbar, daß wir in der Liebe einander auch sehr nahe sein können, einander viel Halt geben und Glück schenken. Manchmal lässt mich die begrenzte Liebe von Menschen eine grenzenlose Liebe ahnen, wie wohl nur Gott sie schenken kann.

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