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SWR4 Abendgedanken

Ja – das geschieht dem Recht. Wenigstens ein Mal hat die Gerechtigkeit gesiegt. Na ist doch wahr.
Das hab ich neulich im Auto gedacht – ich glaube ich habe es sogar laut vor mich hin geschimpft.
Ich war auf dem Weg in die Schule und ich war brav mit meinen 70 unterwegs. Kurz vor dem Ortsschild überholt mich noch einer mit einem Affentempo. Dazu noch ziemlich riskant.
500 m weiter zeigt mir dann ein orangefarbener Blitz:  Es gibt noch so was wie Gerechtigkeit auf dieser Welt. Den Raser hats erwischt. Hoffentlich wird’s ordentlich teuer…
Ich glaube ich habe mich wirklich wegen der Gerechtigkeit gefreut. Denn oft genug siegt sie eben nicht, die Gerechtigkeit. Im Gegenteil. So ist die Welt. Leider.
Im Großen ist das häufig auch so. Es ist doch nicht gerecht, dass es Menschen gibt, die buchstäblich alles haben. Und andere Menschen verlieren alles auf der Flucht und müssen um ihr Leben fürchten. Es ist auch nicht gerecht, dass manche hart arbeiten und ein Vielfaches von dem verdienen, was andere kriegen, die genauso viel arbeiten. Ungerechtigkeiten gab es schon immer.
Deshalb hat Jesus auch Geschichten erzählt, wo es um Gerechtigkeit geht. Einmal erzählt er, dass ein Mann jede Menge zu tun hat. Deshalb stellt er Tagelöhner ein. Das macht er ein paar Mal an diesem Tag. Sogar kurz vor Feierabend stellt er nochmal welche ein. Und am Ende bekommen alle denselben Lohn. Die, die schon den ganzen Tag arbeiten und die, die nur noch eine Stunde gearbeitet haben, bekommen genau dasselbe.[1]
Ja: das ist auch ungerecht. Aber um das ging es Jesus nicht, glaube ich. Ich meine, er wollte zeigen, wie man mit Ungerechtigkeit umgehen kann. Immerhin haben doch alle bekommen, was sie zum Leben brauchen.
Mir hilft diese Geschichte bei mir zu bleiben. Zumindest manchmal. Habe ich nicht alles, was ich zum Leben brauche – und noch viel mehr? Kann ich da nicht den anderen gönnen, dass sie auch haben, was sie brauchen? Den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf und Sicherheit. Den Arbeitern ihren Mindestlohn.
Das ist dann vielleicht immer noch nicht gerecht. Aber wenigstens können alle leben.


[1] Matthäus 20,1-20.

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