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SWR3 Gedanken

Konstanze ist inzwischen 77. Bei Kriegsende war sie 7.
Und sie erzählte von diesen Tagen bei uns im Gottesdienst.
Die Milchkanne, die am Fahrrad klappert, als sie mit der Mutter in der Schlange steht.
Am Milchladen die ersten amerikanischen GI sieht.
Ein Moment der Verunsicherung.
Und dann spürt sie wie sich Erleichterung breit macht.
Endlich keine Bombenangriffe mehr. Keine Angst. Keine seltsamen Befehle.
Dann aber muss die Familie das Haus verlassen, die Mutter erklärt noch:
Nur das Wichtigste mitnehmen und das sind in dieser Situation: Die Matratzen.
Die Amerikaner richten sich im Haus ein. Staunen über die vielen Bücher.
Und sie und ihre Familie sind auf einmal obdachlos, Flüchtlinge.
Sie muss mit ihrer Familie der Einquartierung gemäß ins Obergeschoß
einer anderen Frankfurter Familie ziehen.
Der Empfang ist unerwartet:
‚Herzlich willkommen, schön dass ihr bei uns seid‘,sagt die Frau in der Tür.
Das werde ich nie vergessen, sagt Konstanze und meint:
‚Das kann uns heute doch wirklich zu denken geben!
Wie wichtig das war, dass wir einfach mit offenen Armen empfangen wurden.
Es ist 70 Jahre nach Kriegsende und in Deutschland erinnern sich viele daran
wie sie selbst einmal Flüchtlinge waren.
Nicht allen ist es dabei so gut gegangen wie der Familie von Konstanze Wegner.
Das Kind von damals wurde Historikerin und Politikerin
15 Jahre war sie Mitglied des Bundestages und konnte viele Dinge
voran bringen.
Heute liegt ihr nichts so am Herzen wie die unfassbare Ungleichheit der
Lebensverhältnisse in der Welt und der sich daraus ergebende Flüchtlingsstrom.
Unerträglich findet sie diese Verfinsterung der Welt
und findet: Wir müssen doch helfen, wie wir nur eben können. Ganz ähnlich wie Konstanze argumentiert die Bibel:

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande,
den sollt ihr nicht bedrücken.
Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch,
und du sollst ihn lieben wie dich selbst;
denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. (3. Mose 19,33-34)

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