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SWR2 Wort zum Tag

Gibt es Mütter, die es bedauern, Kinder bekommen zu haben? Die Frage berührt ein gesellschaftliches Tabu. Eine Studie der israelischen Soziologin Orna Donath sorgt um den Muttertag herum für Wirbel. Donath hat Frauen in Israel zu ihrem Selbstbild als Mutter befragt und sich damit auf ein emotional hoch aufgeladenes Terrain gewagt. Denn in der jüdischen Tradition und Kultur haben die Familie und das Kinder-Haben höchste Priorität.

Es geht bei dieser Studie nicht um unglückliche oder sozial schwierige Familiensituationen. Die befragten Frauen erklärten alle, ihre Kinder über alles zu lieben und versorgten sie entsprechend mit einem liebevollen Zuhause. Aber sie konnten sich nicht mit ihrer Mutterrolle identifizieren und hätten, wenn sie die Wahl gehabt hätten, einen anderen Lebensweg gewählt. Die Wissenschaftlerin will mit dieser Studie zeigen, dass Mutterschaft ein kulturelles und historisches Konstrukt ist. 

Der Gedanke, dass man Mütterlichkeit und Väterlichkeit lernen kann, ist im Judentum gesellschaftlich und religiös etabliert und stützt den hohen Stellenwert von Familie und Kindern. Das zeigt sich in einem sehr großzügigen Umgang mit Reproduktionsmedizin, aber auch in der Diskussion, ob gleichgeschlechtliche Paare eine Familie haben und Kinder erziehen sollen. Diese ist in liberaleren Traditionen des Judentums wesentlich offener als in den christlichen Konfessionen. Außerdem sind Adoptionen gesellschaftlich hoch anerkannt. Diese Auffassungen gehen davon aus: Die Mutter-Rolle ist nicht angeboren, sondern kulturell definiert und erlernbar. Mütterliche und väterliche Verhaltensweisen sind für alle lebensnotwendig, aber nicht an biologische Eltern gebunden.

Mutter-Sein ist ein Verhalten. So begegnet es uns auch in den biblischen Texten. Diese wählen immer wieder Beispiele mütterlicher und väterlicher Liebe, um zu umschreiben, wie Gott zu seinen Menschenkindern ist. Beim Propheten Hosea hat man den Eindruck, als sehe er Mütter mit ihren Kindern vor sich, wenn er Gott im Blick auf sein Volk sagen lässt: „Ich lehrte es gehen und nahm es auf meine Arme …“ (Hos.11,3). Das sind liebevolle, tröstliche Bilder: Gott ist wie Mutter und Vater zu seinen Menschenkindern.

Mutter- und Vater-Sein kann man nachahmen, kann man lernen. Das ist doch großartig und ein Gedanke, der für das Miteinander in einer Gemeinschaft sehr tragfähig ist: Wenn Gott selbst wie Mutter und Vater liebevoll handelt, dann sind, daraus folgend, alle aufgefordert, in mütterlicher und väterlicher Fürsorge und Verantwortung für die da zu sein, die ihnen anvertraut sind, jenseits biologischer oder nationaler familiärer Zugehörigkeiten.

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