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SWR4 Abendgedanken

Ich wohne mit meiner Familie in einem kleinen Dorf. Der Ort heißt Lehen und gehört zu Freiburg. Die Kirche steht mitten im Ort und rings um die Kirche befindet sich der Friedhof.

Jeden Morgen komme ich hier vorbei, wenn ich meine Kinder zum Kindergarten bringe. Oft laufen wir zwischen den Gräbern durch und beachten die Umgebung kaum. Aber gerade jetzt im Frühling bleiben wir immer wieder stehen. Überall blüht es. Bunte Blumen zieren die Gräber. Vögel singen und ein sanfter Wind geht durch die Bäume. Es ist einfach herrlich. Plötzlich strahlt der Friedhof unheimlich viel Leben aus. Manche Grabsteine glänzen richtig in der Sonne.

Bei Friedhöfen denke ich sonst nur an Tod und Trauer. Aber es muss gar nicht so sein. Ein Friedhof liegt nämlich meistens mitten im Leben. Zwischen den Straßen und Häusern, mitten im Alltag.

Oft sehe ich ältere Frauen, die liebevoll die Gräber pflegen. Ich stelle mir vor, dass sie sich an schöne Erlebnisse mit ihren Verstorbenen erinnern.

Mein kleiner Sohn stellt auf dem Friedhof viele Fragen: Werde ich auch mal hier begraben? Warum ist die Frau gestorben? Warum steht ein Engelchen auf dem Grab? Manchmal fällt es mir nicht leicht, die richtigen Worte zu finden. Aber er ist einfach neugierig und so muss ich antworten. Irgendwie schaffe ich es auch. Außerdem: So offen wie mit ihm kann ich sonst mit keinem über den Tod reden. Mit seinen fünf Jahren weiß er auch schon eine Menge zu dem Thema. Dann sagt er: „Krebs ist gefährlich, da sind schon viele gestorben. Aber manche werden auch wieder gesund.“ Und dann dreht er sich um, weil er einen bunten Kieselstein entdeckt hat.

Bei unseren Spaziergängen über den Friedhof begegnen sich Leben und Tod. Beides gehört ja unweigerlich zusammen. Die Toten sind  nicht einfach verschwunden. Überall erinnern wir uns an sie. Hier auf dem Friedhof wird es besonders sichtbar.  Zeichen dafür sind im Herbst und Winter die Kerzenlichter auf den Gräbern. Im Frühling zeigen die vielen bunten Blumen: Tod und Leben sind verbunden. Dieses unsichtbare Band zieren Krokusse, Tulpen und Rosen.

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