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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Erster Mai: Tag der Arbeit, Feiertag. Für wen eigentlich? Für mich war und ist der 1. Mai ein arbeitsfreier Tag. Als Tag der Arbeit nehme ich ihn höchstens in der Zeitung und in den Abendnachrichten wahr.

Immerhin ist mir auf diese Weise das Motto für dieses Jahr begegnet: „Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!“ Und dazu die Forderungen: „Wir wollen gute Arbeit, sozialen Fortschritt und keinen Stillstand. Wir wollen soziale Gerechtigkeit...“ Gleich an zwei Gemeindemitglieder muss ich dabei denken. Es ist noch keinen Monat her, dass sie mir von ihrer Situation erzählt haben. Beide sind bereits über fünfzig Jahre alt, und beide blicken auf eine langjährige Tätigkeit in ihrem jeweiligen Betrieb zurück. Trotzdem erhielten beide eine Kündigung, in einem Fall sogar als Folge einer Krankmeldung.

Mir kommen diese beiden Geschichten vor wie ein Spiel, bei dem Figuren beliebig herumgeschoben und ausgewechselt werden. Für die betroffenen Menschen ist das demütigend und verletzend. In der Bibel wird Gott als der gepriesen, „der den Schwachen aus dem Staub emporhebt und den Armen erhöht, der im Schmutz liegt“ (Psalm 113,6). Ich sehe darin eine Herausforderung, für Gerechtigkeit und Menschenwürde einzutreten und mich auf die Seite derer zu stellen, denen solches Unrecht widerfährt. Ich kann das aber nicht allein. Und deshalb ist es gut, dass es Organisationen gibt – darunter auch die Kirchen –, die die Menschenwürde auch in der Arbeit einfordern. Sie tun es kompetent und auf vielfältige Weise. Und sie tun es oft im Verborgenen. Die Öffentlichkeit dagegen nimmt sie höchstens wahr, wenn es zu Streiks kommt. Viele sind dann ärgerlich, weil sie die Folgen zu spüren bekommen. Aber es gibt auch die, die Verständnis zeigen und bereit sind, die Geschichten dahinter anzuschauen: die Situation einer Familie, die finanziellen Verpflichtungen, die viele haben, Armut…

Was ist dagegen dann mein Ärger? Ich spüre: Solidarität beginnt schon dort, wo ich solche Geschichten zur Kenntnis nehme und mich von ihnen berühren lasse – im Falle eines Streiks ebenso wie am Tag der Arbeit. Und wenn es nur dadurch geschieht, dass ich davon in der Zeitung lese oder darüber eine Reportage sehe während der Abendnachrichten.

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