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SWR2 Wort zum Tag

Manche Leute sind Jäger und Sammler, andere werfen gerne weg. Ich gehöre zu denen, die gerne ausmisten. Wenn um mich herum Bücher, Nippes und Gebrauchsgegenstände überhand nehmen, bekomme ich einfach keine Luft mehr. Eine Bekannte von mir ist passionierte Flohmarktgängerin. Ich habe das auch eine Zeitlang praktiziert, aber ich habe gemerkt, dass mich Hunderte von Elefanten, Teetassen oder Briefmarken oder anderem Kram, den man so sammeln kann, einfach belasten. Ich habe nur Spaß an den Eroberungen auf den Trödelmärkten, wenn ich anderes dafür weggeben kann. Bei Shoppingtouren halte ich es ebenso.
Ich weiß, dass das Jäger und Sammler nur schwer verstehen können, aber für mich ist das Weggeben eine spirituelle Übung. Schließlich hat das letzte Hemd, wie das Sprichwort so schön sagt, auch keine Taschen. Mein Sohn wird es mir außerdem irgendwann mal danken, wenn er sich nach meinem Tod nicht sortierend durch unendliche Mengen von Geschirr und Bettwäsche mit Monogramm arbeiten muss. Viele Menschen erzählen mir nämlich davon, dass das nicht so einfach ist. Behalten oder wegwerfen - das fällt gerade nach dem Tod eines lieben Menschen besonders schwer.
Eine alte Dame im Altersheim hat mir einmal erzählt, dass das ihrer Ansicht nach die wichtigste Übung des Lebens sei: Sich von den eigenen Dingen verabschieden zu lernen. Zugegeben: So viel Abschied wie beim Umzug in ein einziges Zimmer würde mir dann auch schwer fallen. Obwohl mir einige Menschen im Altersheim erzählt haben, dass sie es letztlich entlastend fanden, sich nicht mehr um Haus und Garten kümmern zu müssen.
Der Maler Emil Schumacher hat einmal gesagt: „Es gibt Veränderungen innerhalb des Weges, den ich gegangen bin, es gibt Nebenwege, die jedoch immer wieder in den Hauptweg einmünden. Die Grundidee ist von Anbeginn geblieben, ist mit den Jahren souveräner, ist einfacher geworden. Dies ist natürlich ein Reifeprozess, den man in jungen Jahren nicht haben kann: Die Weltsicht wurde mit den Jahren einfacher, weniger kompliziert, hat sich auf das Wesentliche beschränkt.“ Ein großer Künstler kann offenbar ein Leben lang daran arbeiten, sich auf eine Linie zu konzentrieren. Oder auf eine Farbfläche. Vielleicht ist das ja gerade die größte Kunst: Sich reduzieren lernen.

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