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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Also, Pfarrerin sind Sie…“ sagt ein Patient, den ich im Krankenhaus besucht habe. Er sitzt vor mir und winkt ab. „Nah, da haben Sie ja auch nichts mehr zu melden. Tut doch eh keiner mehr, was die Kirche sagt. Schauen Sie sich die Leute doch an: Früher hat man sich eine Frau gesucht, dann hat man geheiratet und dann hat man Kinder in die Welt gesetzt. Heute macht doch jeder was er will.“
Stimmt, denke ich. Da hat sich wirklich einiges geändert. Und ich kann nach-vollziehen, wenn solche Freiheiten ältere Menschen verunsichern. - Aber ist diese Entwicklung wirklich so schlecht?
Grade erst hat mir eine Frau eine Geschichte erzählt, in der gerade dieser Wandel so viel Segen gebracht hat. Es war in den achtziger Jahren. Die Frau war noch ganz jung - da wurde sie schwanger. Das Kind kam zur Welt, aber sie und ihr Freund waren noch nicht bereit für eine Ehe. 
Ein paar Jahre später sah das anders aus. Und da beschlossen sie, zu heiraten. Die Tochter war inzwischen sechs und freute sich unbändig auf die Hochzeit ihrer Eltern. Und sie wollte auch etwas dazu beitragen. Deshalb dichtete sie ein Lied, und das sang sie ihnen bei der Trauung vor; direkt vorne, am Altar.
Sie sang: „Ich freue mich als euer Kind, dass wir jetzt die Müllers sind.“
Wunderbar!
Und jetzt Stellen Sie sich das Gleiche mal in den fünfziger Jahren vor!
Undenkbar, dass das kleine Müllerskind dies Liedchen je irgendwo fröhlich vor sich hingeträllert hätte. Nicht einmal im Kindergarten. Da hätte sie nämlich als uneheliches Kind - wie das damals hieß - sicher erst gar keinen Platz bekommen. Und auch sonst hätte sie nicht viel zu lachen gehabt. Genauso wenig, wie die Mutter.
Und wenn man die Zeit noch einmal fünfzig Jahre zurückdreht:
Wie viele junge Mädchen haben sich um die Jahrhundertwende das Leben genommen, aus lauter Verzweiflung, weil sie ungewollt schwanger waren. 
Die großen Dichter - Goethe, Hauptmann, Brecht - und wie sie alle heißen – in jedem zweiten Drama kam so eine Geschichte vor. So gängig war das.    
Insofern bin ich heil froh über den Wandel der Zeit. Und einer Kirche, auf die man hört nur weil man Angst hat, trauere ich auch nicht nach.

 

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