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SWR2 Wort zum Tag

Egal was passiert, ob zu Hause, auf der Straße, unter Freunden oder auf dem Sportplatz, irgendwer zückt immer sein Handy. Irgendwer macht ein Foto oder sogar einen Film. Und dann verbreiten sich die tatsächlichen oder vermeintlichen Sensationen rasend schnell übers Netz. Die Kamera draufzuhalten ist so wichtig, dass es kaum noch Grenzen gibt. Wenn etwa Gaffer auf der Autobahn eine Unfall filmen.

Wir leben in einer Kultur des Sichtbaren und des Sehens. Ostern erscheint da auf den ersten Blick als ziemlich altertümliches Fest. Denn von Ostern, von der Auferstehung Jesu gibt es eben kein Foto, kein Video. Und trotzdem hält sich die Geschichte vom leeren Grab bis heute.

Allerdings ging es auch schon vor zweitausend Jahren um das Sehen. Denn wirklich glauben können die Freunde Jesu die Auferstehung erst, als sie Jesus wieder sehen können. Und Jesus, das erzählt zumindest die Bibel, lässt sich sehen: Die Frauen treffen ihn am leeren Grab, reden mit ihm, zwei seiner Anhänger gehen mit ihm spazieren, er isst sogar mit seinen Freunden. Immer geht es um das Sehen. Einer der Jünger, Thomas, sagt sogar ganz ausdrücklich: Ich glaube die Auferstehung nur, wenn ich Jesus sehe.

Was heißt eigentlich: Sehen? Sehen die Autofahrer, die an einer Unfallstelle vorbeifahren und filmen eigentlich, was da passiert? Dass da Menschen verletzt sind, vielleicht sogar tot, dass da urplötzlich Leid über Menschen zusammenschlägt?

Wenn die biblischen Texte vom Sehen sprechen, dann meinen sie ein »Mehr-Sehen«. Mehr als nur die Oberfläche. Mehr als nur das Hingucken. Sie sprechen vom Sehen, bei dem der andere angesehen wird, wirklich wahrgenommen wird. Bei dem ich hinter die Fassade sehe. Sehen heißt hier: erkennen, verstehen, begreifen, was eigentlich wichtig und wesentlich ist.

Das kann ich nur selten, wenn ich ein Bild mache oder einen Film drehe. Dafür brauche ich Zeit, dafür muss ich mein Herz öffnen. Und dann sehe ich plötzlich mehr. Das ist ja auch in jeder guten und tiefen Begegnung so: Ich sehe nicht nur mein Gegenüber, sondern versuche ihn zu verstehen, versuche zu begreifen, was ihn bewegt.

An Ostern passiert genau das. Die Jünger sehen, das heißt, sie begreifen, was dieser Jesus eigentlich wollte: Von der Nähe Gottes zu den Menschen zu erzählen. Und so können die Jünger Jesus dann sehen. Noch nach seinem Tod. Ganz ohne Handy.

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