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SWR3 Gedanken

Unsere Tochter Mathilde ist ein halbes Jahr alt. Babys können anfangs ihren Kopf nicht selbst halten und müssen das trainieren, indem sie auf dem Bauch liegen. Mathilde hat sich damit unheimlich lange schwer getan. Schwer getan ist gar kein Ausdruck, sie hat es gehasst. Dementsprechend wollte sie nie auf dem Bauch liegen und hat ihren Kopf erst ziemlich spät gehoben.
Ich habe mit ihr einen Babymassagekurs gemacht, natürlich sprechen da die Mütter über ihre Kinder und automatisch kommt man ins Vergleichen.
Mathilde lag auf dem Bauch und hat wie gewöhnlich dabei geschimpft. Da fragt mich eine der anderen Mütter: „Sag mal, ist Mathilde in allem so weit zurück? Sie kann den Kopf nicht heben und schläft auch noch so viel.“ Darauf ist mir gar nichts eingefallen.

Zuhause hab ich mich geärgert, dass ich nicht schlagfertiger war. Ich hätte sowas sagen sollen, wie: „Ja, das ist uns auch schon aufgefallen. Das mit dem Abitur wird wohl nichts…“

Ich habe mich vor allem darüber geärgert, dass viele Menschen überhaupt so denken. Natürlich hab ich mich auch schon bei dem Gedanken erwischt, dass es langsam Zeit wird, dass Mathilde ihren Kopf hält. Da geht das Leistungsdenken direkt los.

Ich finde das erschreckend. Wenn sich schon die Allerkleinsten nicht in ihrem Tempo entwickeln können, was heißt das denn dann für die Schulzeit und alles, was dann kommt?

Schon die Grundschule ist für viele der reinste Stress und wenn es dann darum geht, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, zählt nur die Bestnote. 

Ich habe mir fest vorgenommen, mich zukünftig von diesem Druck frei zu machen. Wir sind alle Menschen und Gott sei Dank unterschiedlich. Und so sollten wir uns auch entwickeln dürfen.

 

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