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SWR2 Wort zum Tag

Noch die meisten Deutschen dürften ein Gebet gelernt haben und kennen, das für Christen ganz zentral ist. Im Kern stammt es von Jesus selbst und will seinen Anhängern helfen, die Orientierung nicht zu verlieren. Voll Vertrauen richtet sich alles auf den Gott, der uns wie Vater und Mutter ist. Alle Energie des Betens wendet sich an ihn, dass er hier und jetzt gegenwärtig sei – in unserem Leben, in unserer Welt von heute. Nach Matthäus, dem ersten Evangelisten, lautet die letzte Bitte des Gebetes: „Erlöse uns von dem Bösen,“ wörtlicher übersetzt: „Reiße uns heraus aus dem Bösen“.  Ein  zentrales Wort für das Böse heißt Gewalt – und was das bedeutet, bekommen wir fast täglich  schockierend aus dem nahen Osten gezeigt, und nicht nur von dort. Mord und Totschlag sind zweifellos ein manifestes Zeichen  jenes Bösen, das aus der Angst kommt, aus der Angst, ins Nichts zu fallen und zu kurz zu kommen, aus entsprechend brutalem Machtwillen, der sich auf Kosten anderer durchsetzt. Also beten wir: „Hole uns heraus aus dem Schlamassel“ oder „Lass uns nicht hineinfallen und infiziert werden von diesem schrecklichen Gewalt-Denken. Verhindere, dass so viele junge Leute aus West-Europa sich verführen und anstiften lassen und bei diesem blutigen Geschäft mitmachen.“ Aber Gewalt ist ja nicht nur  dort brutal manifest , sie geht bis ins eigene Alltagsverhalten  auch hier. „Gesetzt den Fall, Sie haben noch keinen umgebracht, womit erklären Sie sich das?“ fragt ernst und hintersinnig der Schweizer Dichter Max Fisch. Gesetzt den Fall, mir ging es an den Kragen, wie würde ich mich verhalten? Ich brauche mir nur über die Schulter zu sehen, wie ich bei Stress Auto fahre, und schon weiß ich, wie viel gewalttätige Energien in mir sind.  Deshalb haben unsere christlichen Vorfahren die letzte Bitte des Vater-unsers sehr schnell erweitert, und bis heute wird sie oft im Gottesdienst gebetet: „Befreie uns, Herr, von allen bösen Wirklichkeiten. Gib huldvoll Frieden in unseren Tagen, damit wir, getragen vom Wirken deiner Barmherzigkeit, für immer befreit seien von der Sünde und gesichert seien vor aller Verwirrung – wir, die wir österlich warten auf die selige Hoffnung, die Ankunft unseres Retters Jesus Christus.“ Höchste Dringlichkeitsstufe spricht aus solchen Worten. Unsereiner kann nur ahnen, wie sie im Munde von aramäischen und syrischen Christen klingen, die Tag für Tag in ihrem Leben bedroht sind. Aber schieben wir das Thema nicht nur in  weite, so schrecklich besetzte Länder. Kehren wir vor der eigenen Haustür. Täglich das Vater-unser langsam und nüchtern zu beten, ist eine kostbare Übung. Nur auf diesem Wege kommt mehr Frieden in die Welt – und ins eigene Leben.

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