Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

„Führe uns nicht in die Untersuchung“, „Suche uns nicht in der Unterführung“ - das witzelnde Spiel mit der letzten Vater-unser-Bitte ist durchaus verbreitet, und das nicht ohne Grund. „Führe uns nicht in Versuchung“ - für die einen ist das eine ärgerliche Bitte, denn wieso soll Gott uns Schwierigkeiten machen? Für die andern ist schon das Wort „Versuchung“ ein Fremdwort geworden. Wir lassen uns zwar verführen – z.B. von Süßigkeiten oder anderem, was bei näherem Hinsehen gar nicht gut tut. Auch beim Shoppen und Einkaufen gibt es verführerische Angebote genug. Aber „Versuchung“ im alten Sinn des Wortes? Irgendwie ist doch alles erlaubt, und alles ist möglich – jedenfalls in unserer liberalen Mentalität. Nur an den Bankschaltern steht noch: „Diskretion bitte“, „Abstand halten“. Und für schlimmere Sachen gibt es gesetzliche Regelungen, wo der Spaß aufhört.
Warum also beten wir Christen dann doch immer noch und immer wieder das Vater-unser mit dieser letzten Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern reiße uns heraus aus dem Bösen“? Sind wir ängstliche Miesmacher des Lebens oder moralinsaure Schwarzseher? Nichts davon, aber vielleicht muss man ja erst als Christ in Syrien oder im Irak leben, um neu die Brisanz des Vater-unsers zu verstehen. Jesus lehrt seine Jüngerschaft beten: „Führe uns nicht in Versuchung, den Glauben zu verlieren; bringe uns nicht in Situationen, wo wir ihn verleugnen wie Petrus oder verraten wie Judas und das Evangelium ein bloßes Wort sein lassen.“ Realistisch wird also damit gerechnet, dass unser Bekenntnis brüchig ist und höchst fragil, absolut nicht selbstverständlich und einem Härtetest  womöglich nicht gewachsen.. Warum Christ werden, warum Christ bleiben? Warum nicht Gewalt mit Gegengewalt beantworten? Warum  nicht die Ellbogen ausfahren ?  Warum nicht mit den Wölfen heulen oder den Schafen blöken? Es sei eine der größten Irrlehren der Gegenwart, dass Glaubensbekenntnis und Lebensalltag getrennt sind und sich nicht durchdringen – meinte das 2. Vatikanische Konzil mit Recht. Hier liegt die größte Versuchung, dass das Beten ein bloßes Gerede bleibt oder eine nur  noch verwohnte Übung. Im Vater-unser aber geht es um Gottesleidenschaft, sein Reich und seine Gerechtigkeit. Da ist die Gefahr verdammt groß, dass wir hier nicht mitspielen und Gott einen alten Mann sein lassen. Jeden Tag einmal mit äußerster Aufmerksamkeit das Vater-unser beten – das würde alles zum Guten verändern, meinte Simone Weil.  „Führe uns nicht in Versuchung, im  Alltag  abzustumpfen  und sich nicht mehr vom Leben überraschen zu lassen, von Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19368