Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Aufregend finde ich, wie viele Mitmenschen sich für spirituelle Fragen interessieren. Sie machen sich auf den Weg der Selbstfindung und Gottsuche. Viele suchen Beratungsstellen auf, viele lassen sich auf einen therapeutischen Prozess ein und fragen nach dem wahren Selbst. Viele suchen Vertiefung ihres spirituellen Lebens durch geistliche Begleitung, durch das regelmäßige Gespräch mit Gott und erfahrenen Mitmenschen. Ob nicht das die entscheidende Stelle ist, von der her sich authentischer Glaube und menschliches Leben erneuern? Mit sich selbst ins Reine kommen heißt ja, sich von Gott finden zu lassen und ihn zu  finden – mitten in der eigenen Biographie, mitten im alltäglichen Leben. 

Wie wichtig ist es dabei, sich  auch mit den Schattenseiten des eigenen Daseins zu befassen und sich mit all dem versöhnen zu lassen, was bisher nicht gelebt wurde und war wir uns und anderen schuldig blieben. Wie gut tut es da, Menschen zu haben, bei denen wir uns offen aussprechen können. Da können wir uns ungeschützt  und angstfreier  als die zeigen , die wir geworden sind – mit Licht und Schatten, mit Gutem und Bösem, mit Gelingen und Scheitern. Sehr oft kommen Menschen in der geistlichen Begleitung an den Punkt, wo sie in diesem Sinne beichten. Sie lassen sich die Versöhnung ausdrücklich  von Gott her zusagen und sammeln dadurch alle Kräfte zum Neuanfang. Oft frage ich mich dann, was ich als Priester tue, wenn ich solchen Mitmenschen die Vergebung Gottes zusprechen darf. Die Beichtformel hat es ja  in sich: „Gott, der allmächtige Vater, hat durch das Leben, den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die ganze Welt mit sich versöhnt und den heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Und nun hat niemand mehr ein Recht, dich anzuklagen  – andere Leute nicht und auch du selbst hast kein Recht mehr, dich fertig zu machen oder mit Ereignissen deines Lebens zu hadern. Schluss damit, das ist Vergangenheit und das Leben liegt vor dir. Solche Höhepunkte der Versöhnung  fördern das positive Lebensgefühl, die Freude und Zustimmung zum Dasein, so verwirrend oder verwirrt es auch sein mag. Es ist schon ein guter Brauch, gerade in der Zeit vor Ostern dieses wunderbare Ostergeschenk der Beichte und des Glaubensgespräches wahr zu nehmen. Wer diese Chance nicht nutzt, verpasst etwas. Es ist eine großartige Sache, mit sich und allem so ins Reine zu kommen und alle Lebensenergien neu fließen zu lassen. Das wünsche ich Ihnen und mir.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19367