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SWR2 Wort zum Tag

28FEB2015
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Neulich in einer geselligen Runde. Irgendwie kommen wir aufs Beten zu sprechen. Da meint eine Bekannte: „Eigentlich rede ich schon viel mit Gott, aber er antwortet mir halt nicht.“ Vielleicht war der Satz nur so flapsig dahingesagt, vielleicht aber war sie auch aufrichtig enttäuscht: Wenn Beten Reden mit Gott ist, dann soll der sich gefälligst auch mal zu Wort melden. Es reicht mir nicht, dass ich Gott alles sagen kann und er mir immer zuhört. Wenn nie eine Antwort kommt, dann liegt der Verdacht nahe: Da ist gar niemand, der mir zuhört.

Eine ganz andere Erfahrung mit dem Beten beschreibt der dänische Philosoph Sören Kierkegaard: „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. […] Ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“ Für Kierkegaard führt der Weg zu einem erfüllten Gebet über die Stille. Ich habe die Erfahrung gemacht, es ist ein langer Weg und er braucht Übung.

Wenn ich bete, dann schaffe ich es oft schon nicht, wirklich still zu werden. Natürlich kann ich aufhören zu reden, aber dann sind da ja noch meine Gedanken. Gelingt es mir, den einen loszulassen, kommt schon der nächste und beschäftigt mich. Was mir dann hilft, ist meine Aufmerksamkeit auf meinen Körper zu richten. Ich achte auf meinen Atem, wie er ein- und ausströmt, ohne ihn zu kontrollieren. Manchmal komme ich so nach und nach zu einer tiefen inneren Ruhe. Schon allein das tut gut. Aber die Ruhe selbst ist für Kierkegaard nicht das Ziel des Betens. Das Ziel ist: Gott zu hören. Das war ja auch der Wunsch meiner Bekannten. Aber wie antwortet Gott? Wenn ich schweige, dann antwortet auch Gott mir ohne Worte. In der Stille erfahre ich seine Antwort in einer Kraft, die mich trägt, aufrichtet und freimacht.

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