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SWR2 Wort zum Tag

Einen eindrücklichen Aschermittwoch habe ich in New York erlebt.
Für viele katholische Christen gehört ja zum Abschluss des Karneval der Gottesdienst am Aschermittwoch. Die Asche erinnert an die Sterblichkeit des Menschen und ist ein Zeichen dafür, dass jemand bereit ist, Buße zu tun.
Der Ritus, sich ein Aschekreuz auf die Stirn zeichnen zu lassen, ist mir ganz unerwartet bei einem Aufenthalt in New York begegnet. Mir war aus dem Blick geraten, das Aschermittwoch ist, darum konnte ich gar nicht gleich einordnen, was mir mitten in den Passantenströmen dieser hochtourigen Großstadt plötzlich bewusst wurde: Manche, die vorbei hasteten, hatten ein Aschekreuz auf der Stirn. Auch beim Mittagsimbiss habe ich es gesehen: Geschäftsleute mit wichtigen Dokumentenmappen unterm Arm eilten mit einem an ihnen sehr fremd wirkenden Aschekreuz auf der Stirn zu ihren Tischen. Die Frau, die mir gegenüber saß und während des Essens in ihrem Smartphone herumklickte, hatte es ebenso wie der Mann, der seine Bestellung an der Theke aufgab und gleichzeitig mit jemand anderem telefonierte.
Es passte wirklich nicht zusammen - die hektische business-Welt der Großstadt und dieses alte Ritual. Denn wer am Aschermittwoch ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet bekommen hat, war in einem Gottesdienst gewesen. Ganz offensichtlich hatten diese Menschen Zeit für einen Gottesdienstbesuch gehabt. Und sie hatten keine Scheu, das auch zu zeigen, obwohl es wirklich merkwürdig an ihnen wirkte, mit ihren Business-Anzügen und –Kostümen und Aktentaschen.
Ich war erstaunt und ein bisschen beschämt: Denn längst hatte ich mir das Vor-Urteil gebildet, dass in der Schnelligkeit des Geschäftemachens und Konsumierens unserer Zeit Religion ganz sicher keinen Platz habe. Ganz offensichtlich hatte ich nicht Recht.
Auch in einer säkularisierten Welt finden sich lauter Zeichen dafür, dass Menschen an Gott denken. Vermutlich lassen sich viele entdecken, wenn man darauf achtet. Man kann ganz unerwartet etwas vom Glauben, Beten und Hoffen von Menschen sehen. Zum Beispiel wenn jemand in einer Kirche auf dem Nachhauseweg rasch noch eine Kerze anzündet. Oder wenn einer bei der morgendlichen Fahrt mit der S-Bahn in einem Andachtsbuch liest. Wenn jemand ein Stoßgebet spricht, das keiner hört.
Überall fliegen spirituelle Funken durch den Alltag und sagen: Was du da tust, hat mit Gott zu tun. Wonach du dich sehnst, ist Gott.
Ich finde das großartig und habe mir vorgenommen, auf dieses spirituelle Funkeln während der vierzigtägigen Fastenzeit besonders zu achten. Sie beginnt heute, mit Aschermittwoch.

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