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SWR2 Wort zum Tag

Keiner will verlieren. Jeder will gewinnen.
Jesus sagt: „Wer sich selbst als Ziel hat, wird sich verfehlen. Was nützt es, wenn man die ganze Welt gewinnt, man aber mit seinem Herzen dafür büßen muss? Was hat der Mensch Kostbareres als sein Herz?“ Mk 8,38
Aufs Gewinnen verzichten? Das ist schwer vorstellbar. Die Frage: Welchen Gewinn habe ich davon, wenn ich das tue? ist zutiefst menschlich. Natürlich will jeder wissen, was es ihm bringt, wenn er sich da oder dort engagiert oder einmischt. Jeder will gewinnen.
Bei Elternabenden in Kindergärten und Schulen, in Kirchengemeinden und Vereinen, überall kann man beobachten: Die meisten überlegen es sich sehr lange und sehr gut, ob sie ein Ehrenamt übernehmen. Manche haben Bedenken, ob sie die Zeit und Kraft dafür haben. Andere gehen davon aus, dass andere das schon machen. Und die dritten schätzen die Mühen der Aufgabe höher ein als den Gewinn daraus. Denn unterm Strich muss das Engagement gewinnbringend sein. Das kann ich gut verstehen. Als ich nach einem Elternabend die Gewählten frage, warum sie das Ehrenamt übernehmen, bekomme ich ganz unterschiedliche Antworten. So etwa: Die Anerkennung tut mir gut, vor allem jetzt, wo ich eine Zeitlang aus dem Beruf raus bin. Ich kann das Umfeld meiner Kinder mit gestalten, kann an ihrem Leben teilhaben. Ich hoffe, dass mein Vorbild sie ermutigt, sich für andere zu engagieren.
Wer sich engagiert, verzichtet also nicht auf den Gewinn an einer Sache, aber beschreibt ihn anders. Wo Engagement und persönlicher Gewinn zusammengehen, sprechen Kommunikationsexperten von einer Win-Win-Situation: Am Ende profitieren alle. Jeder gewinnt. Ich beziehe das Jesuswort darauf und sage: Das sind Gewinne, für die man nicht mit dem Herzen büßen muss. Das ist etwas Kostbares für die Seele.
Wie kommt es vom egozentrischen Gewinnen-Wollen zu einer Situation, die der Seele gut tut? Vielleicht so: Man bricht bewusst das System der auf Wechselseitigkeit gerichteten Gefälligkeiten und Leistungen auf, sucht also nicht den unmittelbaren Profit für sich. Dann springt das Engagement nicht wie in einem Ping-Pong-Spiel nur zwischen zweien hin und her, nach dem Prinzip: eine Hand wäscht die andere. Sondern: Das eigene Engagement stößt wie in einem Dominospiel etwas an. So geht es von mir zum Anderen, vom Anderen zum Nächsten und so weiter. Irgendwann kommt es wieder bei mir an, hat andere einbezogen und ein Netz von unsichtbaren Beziehungen geknüpft.
Wo das Sich-Engagieren etwas auf diese Weise in Bewegung setzt, gewinnt jeder. Das ist etwas Kostbares für die Seele.

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