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SWR1 Begegnungen

„Jesus fasziniert mich!“

Marie-Luise Marjan

Ich treffe mich mit Marie-Luise Marjan, als sie keine Dreharbeiten hat. Mit ihr zu Fuß durch die Kölner Innenstadt zu gehen kann lange dauern. Sie müsste schon Kopftuch und dunkle Brille tragen um nicht als Mutter Beimer aus der Lindenstrasse erkannt zu werden. Aber das macht sie nicht. Im Gegenteil. Sie freut sich, grüßt freundlich zurück, gibt Autogramme, ist gern unter Menschen.

Manchmal wünschen sie sich auch ein Gespräch mit mir. Wenn ich dann Zeit habe mache ich das auch und wenn ich keine Zeit habe dann sag ich: Mutter Beimer muss lernen! Das verstehen sie alle und dann sagen sie: Ja, ja, ist in Ordnung, schönen Tag! 

Seit 1985 spielt Marie Luise Marjan diese Rolle, ist durch sie eine der bekanntesten Schauspielerinnen der Republik. Das 30jährige Jubiläum der Lindenstrasse in diesem Jahr ist auch ihr persönliches (Jubiläum). Die Kunstfigur Helga Beimer wird so mit ihr verbunden, dass sie auf der Strasse oft auch mit diesem Namen angesprochen wird. Aber Frau Marjan ist nicht die äusserst bürgerliche Frau Beimer, auch wenn es Ähnlichkeiten gibt. 

Mein Lebensstil ist auch bürgerlich. Regelmäßig schlafen, etwas Vernünftiges essen, auf die Gesundheit achten, sich keinen Überreizungen aussetzen, ein "normales ruhiges bürgerliches Leben" - in Anführungsstrichen. Aber die Phantasie geht spazieren und die kann natürlich in alle Welten gehen und als Schauspielerin braucht man ja die Phantasie.  

Spätestens beim Thema Phantasie haben Frau Beimer und Frau Marjan aber kaum etwas gemeinsam. Und die hat sie nicht nur in der Lindenstrasse sondern in ihrer zwanzigjährigen Theaterkarriere und danach in 45 Fernsehrollen gebraucht und genutzt. Dass neben der Phantasie auch eine tüchtige Portion Disziplin nötig ist liegt gerade bei Studioproduktionen wie der Lindenstrasse auf der Hand. Volle Konzentration ist gefragt und: Geduld. 

Wir drehen jetzt mit einer Kamera, d.h. wir müssen die Szenen sehr sehr oft wiederholen, aber das klappt nicht auf Anhieb. Dann ist etwas unscharf, oder ein Mikrofon hängt im Bild oder es gibt eine Spiegelung im Glas. Man kann sagen, dass man fast zwanzigmal eine solche Szene wiederholt und am Ende weiss man nicht mehr ob man ein "Fräuchen oder Männchen" ist. 

Eine andere "Bühne" ist für mich gewohnter als für Frau Marjan. Vor Jahren habe ich sie bei einem Besuch in Trier gefragt, ob sie am anderen Tag den Lektorendienst im Domgottesdienst übernehmen könnte. Einfach so, ohne Promi-Ankündigung. Die Zusage kam prompt. Für sie eine Herausforderung. 

Da muss man sehr bei der Sache sein, man verkündet ja Gotteswort und das verlangt eine Ernsthaftigkeit. Man muss wirklich dahinter stehen und begreifen, was man da sagt, denn man möchte das den Menschen ja nahe bringen. Das mache ich sehr gerne, das hat mir (in Trier) große Freude gemacht, aber eigentlich kann man sagen bei der Schauspielerei muss man genauso ernsthaft sein- nur hat man nicht so schöne Texte wie in der Bibel. 

 „Bei Papst Franziskus – da jubelt mein Herz!“

Marie Luise Marjan ist evangelische Christin, und das nicht nur auf dem Papier. Ihr Christ-Sein ist auch Grund und Motor für ihr soziales Engagement bei Plan International, Unicef, dem katholischen Malteserdienst und ihrer eigenen Stiftung. Ein Leben ohne Glauben kann sie sich schwer vorstellen.

Es ist etwas das einen Lebensrahmen oder ein Geländer gibt, an dem man sich daran festhalten und den Weg finden kann. Religion ist etwas sehr wichtiges im Leben der Menschen, auch in meinem Leben.

Gefragt nach einer Gestalt der Kirchengeschichte, die sie besonders bedruckt und beschäftigt, musste sie nicht lange nachdenken. 

Jesus fasziniert mich! Die Faszination liegt darin -wir haben heute 2015- wie lange diese Religion existiert, sie existiert auf dem ganzen Erdenrund, wie man so schön sagt, in dichterischer Form. Das hat eine Faszination und auch eine Durchschlagskraft und einen Ernst, da kann man gar nicht dran vorbeigehen. Da kann man gar nicht wegsehen. Die Geschichten um Jesus in der Bibel sind ja auch spannend, wenn man sie liest. Zum Beispiel die Speisung der Menschen am See, dann die Überquerung des Sees. Man kann übers Wasser laufen wenn man die geistige Kraft hat - dann kann man viele Dinge überwinden. 

Einer, der schon einige Dinge überwunden hat und munter an der Reform der katholischen Kirche arbeitet, steht bei evangelischen Christin Marjan in hohem Ansehen: Papst Franziskus.

Sein Bild habe ich auf meinen Schreibtisch gestellt. Ich finde er ist so menschlich dieser Mann! Er ist wie so ein Papa, wie ein guter Onkel, er strahlt eine unglaubliche Nähe aus. Auch die ganze Art wie er aufgetreten ist -das finde ich ganz ganz großartig und dass er so mal die Regeln gebrochen hat, da hat mein Herz gejubelt! Das fand ich toll. Wunderbar! 

Noch wunderbarer wäre es für sie wenn die Trennung der Kirchen kein Thema mehr wäre. 

Ich denke in dem großen globalen Gefüge der Weltreligionen sollte man gescheit sein und sagen: wir sind Christen. Und da gehören dann alle darunter. Die Katholiken wie die "Evangelen", wie die einzelnen Abzweigungen von diesen Religionsgemeinschaften. Ich finde wir sollten uns als Christen sehen, das wäre angemessen. 

Und auch als solche leben. Und das fängt mit Respekt vor Andersgläubigen an. 

Das ist ein ganz ganz wichtiges Thema, dass die Menschen Respekt voreinander haben. Denn wenn du Respekt vor einem Menschen hast, dann wirst du ihm nicht weh tun. Dann wirst du ihn achten und schätzen und du wirst ein bisschen Distance haben und Du wirst ihm auch helfen. Die meisten (schlimmen) Dinge die auf der Welt passieren entstehen aus Respektlosigkeit. 

Und noch ein weiterer Rat. "Man darf zu allem eine Meinung haben aber man muss nicht", diese bissige Bemerkung von Dieter Nuhr kann man verstehen wenn man beobachtet wie leichtfertig und respektlos oft Meinungen geäussert und vorschnelle Urteile gefällt werden.

Alles was man äußert geht ja in die Welt. Man sollte einfach mit Bedacht sich äußern. Denn was gesprochen ist ist in der Welt. Das geht oft so: ungefiltert quatschen die Leute drauf los und hinterher denken sie -oder sie denken nicht einmal- das hätten sie nicht sagen sollen. Das ist ein wichtiges Thema - da kann man eine ganze Predigt drauf aufbauen.  

Und damit hat Marie-Luise Marjan mir zum Abschluss unseres Gespräches selbst schon eine gehalten.

 

 

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