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SWR2 Wort zum Tag

Es war ein gut geplantes Projekt. Ein kompetentes Team hat sich dafür zusammengefunden. Das strategische Ziel war klar umrissen, der Weg dahin realistisch. Und vor allem: Das Projekt war erfolgreich.
So könnte man sie auch erzählen, die Geschichte, der wir den heutigen Feiertag verdanken: die Geschichte von den drei „Weisen aus dem Morgenland“, die sich auf die Suche nach einem neugeborenen König machen. Eine besondere Sternenkonstellation hat ihr Interesse geweckt und ihnen Orientierung gegeben. Sicher, einen kleinen Umweg über den Königshof in Jerusalem müssen sie in Kauf nehmen. Wer konnte schon ahnen, dass der neue Herrscher nicht in der Hauptstadt zu finden ist. Aber immerhin bekommen sie dort wichtige Informationen, die bei der Suche weiterhelfen. Und schließlich finden sie, wonach sie gesucht haben. Eine erfolgreiche Mission.
Mir gefällt dieser andere Blickwinkel auf die Geschichte. Weil sie mir so bekannter vorkommen, die drei Männer: Menschen, die sich ein Ziel gesetzt und es erreicht haben.
Ziele stehen ja heute hoch im Kurs. Kein Personalgespräch ohne Zielvereinbarung – aber auch Vereine oder Kirchengemeinden, die etwas erreichen möchten, setzen sich gerne konkrete Ziele. Und selbst privat ertappe ich mich dabei, mich an meinen eigenen Zielvorgaben abzuarbeiten.
Vielleicht haben Sie sich zum Jahreswechsel auch wieder einiges vorgenommen, was Sie im neuen Jahr verwirklichen wollen. Und vielleicht sogar einen Plan gemacht, wie Sie es erreichen können. Mehr sportliche Betätigung, der Gesundheit zuliebe. Mehr lesen, um auf der Höhe der aktuellen Debatten zu sein. Freundschaften pflegen, denn Kontakte sind wichtig – egal ob es darum geht, beruflich weiter zu kommen oder darum, dass sich jemand um mich kümmert, wenn ich krank bin.
Die drei Männer in der Geschichte haben sich ein Ziel gesetzt und es erreicht. Aber was nun? In unserer Welt heißt es dann in der Regel: Nur nicht locker lassen. Ein neues Ziel definieren. Und daran arbeiten.
Über die weitere Geschichte der „drei Weisen“ wissen wir kaum etwas. Aber ich glaube: Bei ihnen ist es anders. Das Kind, das sie gefunden haben, ist kein Ziel, das sie so einfach abhaken können. Es berührt sie: Sie waren „hocherfreut“, so heißt es in der Geschichte, und „fielen nieder und beteten es an“. Und schließlich: Auf die Gefahr diplomatischer Verwicklungen hin sind sie bereit, das Kind nicht dem eifersüchtigen König Herodes auszuliefern: „Sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.“ Ich glaube, das heißt auch: verändert. Nicht gleich auf der Suche nach dem nächsten Projekt oder auf dem Weg zum nächsten Ziel.
Was aber haben sie gefunden, was haben sie empfunden bei diesem Kind? Ich glaube, das Gefühl, angekommen zu sein. Einmal nichts zu müssen, sondern einfach sein zu dürfen. Alles zu haben, was sie brauchen. Und deshalb planlos, ziellos und wunschlos zu sein.
Sie kennen solche Momente auch: Verliebtsein. Musik machen. Ein schlafendes Kind betrachten. Beten können. Momente, in denen die Zeit still steht. Die keinem Zweck dienen und einen keinem Ziel näherbringen. Aber von denen wir leben.
Solche Momente ohne Pläne, Ziele und Wünsche sind Geschenke, die ich mir nicht selbst machen kann. Aber vielleicht erinnere ich mich an sie und atme kurz durch, wenn ich wieder Begriff bin, ein Ziel abzuhaken, um ein neues anzugehen. Überlege, ob das neue Ziel wirklich mein Ziel ist – ob ich es überhaupt verfolgen will. Oder ob ich nicht, wie die drei Weisen, auch einem anderen Weg gehen könnte.
Vielleicht mache ich dann mehr Dinge um ihrer selbst willen– Sport um des Sports willen, lesen, weil ich gerne lese, mich mit Freunden treffen – einfach so. Und vielleicht setze ich mich ab und an mit den Weisen an die Krippe. Gedanklich zumindest. Und bin gespannt, was mit mir passiert.

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