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SWR4 Abendgedanken

Als Pfarrer bin ich oft in die Rolle des Nikolaus geschlüpft. Und ich habe mich manchmal gefragt, wie es eigentlich kommt, dass gerade diesem Mann so viel Sympathie entgegen gebracht wird. Mir fällt sonst aus der kirchlichen Tradition keine Person ein, über die alle so positiv denken. Der Nikolaus kommt sogar noch in Familien, die sonst mit der Kirche nicht viel am Hut haben. Und am besten kommt er so, wie ich das als Kind schon erlebt habe. Er trägt einen langen Bart und eine weiße Perücke und sieht aus wie ein Bischof aus längst vergangener Zeit. So habe ich mich auch angezogen, wenn ich in den Kindergarten ging oder bei einer Nikolausfeier meinen Auftritt hatte. Ich bin mir oft vorgekommen wie aus der Zeit heraus gefallen. Wie passt das denn zusammen? Hier das ganze technische Zeugs, auf das wir nicht verzichten wollen, und dort diese altmodische Figur. Überall wird von einem Pfarrer erwartet, dass er auf der Höhe der Zeit ist, und dann taucht ein Nikolaus auf wie eine Kitschfigur aus dem 19.  Jahrhundert. Aber es hat sich nie jemand darüber beklagt. Im Gegenteil. Die ganz Modernen und Aufgeklärten fanden es besonders schön.

Ich vermute, dass die Persönlichkeit des Nikolaus Seiten bei uns anspricht, die ganz tief im Menschen verankert sind. Der Mensch will gelobt werden für das, was er gut gemacht hat. Davon erzählt der stilisierte Heilige bei seinem Besuch. Der Mensch braucht einen, der für ihn da ist und ihm Sicherheit gibt. So wie Nikolaus aussieht, steht er genau für das. Für die Weisheit, für Güte und Strenge. Der Mensch freut sich, wenn er etwas geschenkt bekommt, einfach so. Das alles verkörpert der alte Bischof. Äußerlich sieht er so aus und innerlich passt sein Leben dazu. Wenn man sich ein bisschen in sein Leben vertieft, dann erfährt man das noch genauer. Nikolaus hat sich ganz konkret um die Not von einzelnen gekümmert. Drei Mädchen aus einer Familie hat er davor bewahrt, dass sie sich prostituieren mussten. Am Ende haben sie geheiratet. Der Bischof Nikolaus hat sich die Hände schmutzig gemacht. Als es darum ging, mit Kaufleuten um Nahrung für seine Stadt zu verhandeln, hat er das selbst gemacht – und nicht irgendeinen Vertreter geschickt. 

Das suchen die Menschen damals wie heute. Einen, der was zu sagen hat, und sich nicht in einem Palast verkriecht. Einen Bischof zum Anfassen. Einen Vater, der nicht bloß den Titel führt, sondern wirklich einer ist. Und dass der von der Kirche kommt – das ist auch nicht schlecht.

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