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SWR4 Sonntagsgedanken

„Blöd, wer jetzt noch wartet“, lese ich in fetten, schwarzen Buchstaben auf dem Werbe-Prospekt in meiner Zeitung. Gleich zuschlagen also und kaufen. „Ich will alles – und am besten sofort.“ Warum noch so blöd sein und warten. … Wenn ich doch alles gleich haben kann?
Dabei ist die Adventszeit doch ausdrücklich Wartezeit. Advent heißt „Ankunft“. Wir Christen erinnern uns, dass einer angekommen ist.
Gott ist angekommen. Auf der Erde. Darum gibt’s Weihnachten, weil Jesus angekommen ist bei uns. Mit ihm ist Gott bei den Menschen.
Seine Ankunft also feiern wir an Weihnachten. Und in der Adventszeit versuchen wir, zu begreifen und dem nachzuspüren, was das heißt: Gott ist angekommen.
Damals vor zweitausend Jahren – in einem Stall bei Bethlehem am Rande des großen römischen Reiches. Als kleines Kind. Die Weltöffentlichkeit damals hat davon keine Notiz genommen. So ist Gott zur Welt gekommen. Verkannt. Verletzlich. Unscheinbar.
Ich finde, da braucht es schon diese vier Adventswochen, bis ich begreife, was das für mich bedeutet. Dass Gott sich klein macht. Und dass der große, ewige Gott im Kleinen zu finden ist, im Unscheinbaren … Nicht im Rampenlicht oder in Palästen, sondern im hintersten Winkel der Welt.
Aber ich glaube: Dabei wird es nicht bleiben. Bei der ersten Ankunft. In der  Bibel heißt es: Gott wird noch einmal kommen auf die Erde. Am Ende der Zeit.
Dann nicht klein und machtlos, sondern jeder wird ihn sehen. Jeder wird ihn erkennen ohne Zweifel. Er kommt – mit großer Macht und Herrlichkeit. Und dann wird er alles neu machen. Himmel und Erde. Das wird seine zweite Ankunft sein. Sein zweiter Advent.
Ich weiß: Für viele ist das eine befremdliche Vorstellung. Das Reden vom Ende der Welt. Das wird lieber den Sekten überlassen oder der Filmindustrie in Holly­wood. Die malen den Untergang der Menschheit in düsteren Farben und erzählen ihn mit viel Dramatik.
Die Bibel ist da nüchterner. Der Apostel Petrus hat den Menschen damals geschrieben: „Wir warten auf den neuen Himmel und die neue Erde, die Gott versprochen hat– die neue Welt, in der Gerechtigkeit regiert.“ (2.Petrus 3,10)
Als Petrus das geschrieben hat, haben sie gewartet. Darauf, dass Gott wiederkommt und sein Reich aufrichtet. Wir Christen erinnern uns bis heute daran. Und wir warten darauf.

Warum ich darauf warte? – Auf die zweite Ankunft von Gott, auf den neuen Himmel und die neue Erde, die er versprochen hat?
Weil ich davon überzeugt bin, dass es Gerechtigkeit geben wird. Dass Unrecht gesühnt wird und Opfern Gerechtigkeit widerfährt.
Der Schweizer Dichter Kurt Marti hat einmal geschrieben:

Das könnte manchen Herren so passen
wenn mit dem Tode alles beglichen
die Herrschaft der Herren
die Knechtschaft der Knechte
bestätigt wäre für immer
Das könnte manchen Herren so passen
wenn sie in Ewigkeit
Herren blieben im teuren Privatgrab
und ihre Knechte
Knechte in billigen Reihengräbern
Aber es kommt eine Auferstehung
Die anders ganz anders wird als wir dachten
Es kommt eine Auferstehung die ist
der Aufstand Gottes gegen die Herren
und gegen den Herrn aller Herren: den Tod.

Ja, das könnte manchen so passen, dass alles beim Alten bleibt. Aber diese Rechnung wird nicht aufgehen. Am Ende der Zeit kommt alles auf den Tisch. Kommt alles zur Sprache. Und dann werden sich manche ganz schön wundern … Allen wird Gerechtigkeit widerfahren.
Denn Tränen, Leid, Ungerechtigkeit, Schmerzen, Gewalt und Streit haben keinen Platz in Gottes neuer Welt … und auch der Tod hat dort keinen Platz!
Wie tröstlich: So wie es gerade ist, bleibt es nicht auf ewig! Nein, es wird anders kommen: Ein neuer Himmel und eine neue Erde von Gott. Und dort wird allen Gerechtigkeit widerfahren.
Zu schön, um wahr zu sein? Ist das nicht eine billige Vertröstung auf das Jenseits? Kann sein. Aber es gibt auch das andere.
Das Wissen um den neuen Himmel Gottes hat zu allen Zeiten auch Menschen in Bewegung gesetzt. Der Philosoph Carl-Friedrich von Weizsäcker hat behauptet: Niemand sonst hat die Welt so verändert, wie die Christen, die fest mit dem Himmel gerechnet haben.
Gerade die haben sich besonders um ihre Mitmenschen gekümmert. Haben Krankenhäuser und Altenpflegeheime gebaut, haben das Rote Kreuz gegründet, haben Sterbende begleitet, haben die Sklaverei abgeschafft, sind in die Armenviertel dieser Welt gegangen und haben sich den Ärmsten der Armen zugewendet.
Warum? … Weil der Himmel sie in Bewegung gesetzt hat. Sie haben gewusst: Wir haben noch Zukunft bei Gott vor uns. Es ist für uns gesorgt. Wir werden nicht zu kurz kommen.
Wer das glauben kann, muss nicht alles aus diesem Leben rausholen, der kann loslassen, verzichten und ist frei, sich für andere einzusetzen!
Wie schön, dass es solche Menschen gibt, die auf Gottes neue Welt warten. Und die sich dann von Gott in Bewegung setzen lassen.
Ich wünsche Ihnen einen frohen zweiten Advent.

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