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SWR4 Abendgedanken

Was soll aus Walid werden, der mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien geflüchtet ist? Was aus Jakob, der sich aus Eritrea bis zu uns durchgeschlagen hat und schlecht verheilte Folterspuren an seinem Körper trägt?
Die beiden sind hier fremd. Und sie sind mir fremd. Ich bin in einem anderen Land groß geworden als sie. Spreche ihre Sprache nicht. Ihre Kultur ist nicht meine. Über manches, was sie tun, schüttle ich den Kopf. Und ihnen geht es mit mir genauso.
Sie sind auch einander fremd. Sie verbindet nichts miteinander – außer ihrer Sehnsucht, endlich im Frieden zu leben. Wir werden Orte brauchen, Gelegenheiten, bei denen wir anfangen einander kennenzulernen, miteinander etwas auf die Beine zu stellen, miteinander zu feiern.
Sollen wir in unserer Stadt Flüchtlinge aufnehmen? Und wenn ja: sollen die dann alle zusammen untergebracht werden oder lieber auf mehrere Häuser in verschiedenen Stadtteilen verteilt werden?
Solche Fragen sind in den letzten Monaten in vielen Orten diskutiert worden.
Ich habe viel mitdiskutiert. Dabei ist für mich wichtig geworden: Ich möchte in einer gastfreundlichen Stadt leben. In einer Stadt, die Walid und Jakob spüren lässt: „Eine Heimat wie die, die dir genommen worden ist, können wir dir nicht geben. Aber einen Ort, an dem du in Frieden leben kannst, an dem deine Kinder ein einigermaßen normales Leben führen können: den können wir dir anbieten. In dieser Stadt kannst du mitleben. Hier kannst du mitmachen.“
Dass ich mir so eine Stadt wünsche, hat mit meinem Glauben zu tun.
Ich habe daheim eine Jesus-Ikone stehen. Ein uraltes Bild: Klein-Jesus mit seinen Eltern auf der Flucht nach Ägypten. Mit erbärmlich wenig Gepäck, gerade so dem Tod entronnen. Das ist die Geschichte, die in der Bibel gleich nach der Weihnachtsgeschichte steht. Wenn ich dieses Bild anschaue, denke ich: jeder Flüchtling heute ist in ganz besonderer Gesellschaft. In der Gesellschaft Jesu.
Für mich ist das ein wichtiger Grund, um Walid und Jakob zu sagen: „Willkommen!“

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