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SWR2 Wort zum Tag

Was macht eine Rede gut? Vor ein paar Tagen war auf einmal diese Frage da, inmitten der Tagesschau. Zwischen dramatischen Bildern aus der Ukraine, Israel, dem Irak und knappen Politikerstatements. Angesichts der Probleme wirken die manchmal zu fertig, manchmal ratlos auf mich. Da habe ich mich gesehnt nach einer guten Rede und gefragt: Was macht eine Rede gut?
Unter Rhetorikern gilt zB. die Rede als gut, die Abraham Lincoln zu seiner 2. Amtseinführung als Präsident gehalten hat. 1865, vor fast 150 Jahren. Das junge Amerika in seiner größten Krise. 4 Jahre Bürgerkrieg, genauso erbittert geführt wie die heute. Mit über einer halben Million Toten.
Lincoln hat damals eine kurze, schlichte Rede gehalten. Viele Zuhörer und Kommentatoren waren sogar enttäuscht von ihr. Er rechtfertigt, dass er diesen Krieg gegen die Ausbreitung der Sklaverei führt. Aber er wütet nicht gegen seine Gegner. Rechnet nicht ab. Er beschwört nicht den großen Sieg. Im Gegenteil er sucht eine Aussicht:

„Ohne Bosheit gegen irgendjemand, mit Barmherzigkeit allen gegenüber, sagt Lincoln, mit Entschlossenheit im Recht - sofern denn Gott uns das Rechte zu sehen gibt. So lasst uns nach der Vollendung des Werkes streben, das wir begonnen haben: Die Wunden der Völker zu heilen, uns um den zu kümmern, der den Krieg trug, um seine Witwe und sein verwaistes Kind. Alles zu tun, was einen gerechten und dauernden Frieden erringen kann.“

Lehrt diese Rede etwas für gutes Reden heute?
Als erstes vielleicht: Politiker sollten überhaupt zu und mit uns Bürgerinnen und Bürgern reden. Statements vor Kameras reichen mir nicht. Mit einer Rede erklärt sich mir jemand. Auch mit seiner Ratlosigkeit und seinen Grenzen. Wie sagt Lincoln, „sofern Gott uns recht zu sehen gibt.“
Von einer guten Rede erhoffe ich mir aber vor allem Aussicht. Perspektive. Gibt es Schlimmeres als Aussichtslosigkeit?
Eine Rede soll die Wirklichkeit nicht beschönigen, aber den Redner und uns erinnern, dass es trotz allem Zukunft gibt. Und darauf ausrichten. Einen guten Weg zu zeigen suchen, zwischen den Alternativen, die es gibt. Vielleicht eine Vision entwickeln.
Es gibt immer verschiedene Wege in die Zukunft. Eine politische Rede zur Ukraine-Krise müsste doch auch sagen: Welche positive Aussicht für Russland will Europa mit den Sanktionen gegen dieses Land verbinden? Eine politische Rede ist gut, wenn sie auch im Konflikt nach Frieden Ausschau hält
Und gilt dasselbe nicht auch für Sie und mich? Gut reden, dass auch in konfliktreichen, dunklen, verhärteten Situationen eine Aussicht auf Frieden aufleuchtet.

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