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SWR2 Wort zum Tag

„Hilf uns Menschen zu lieben, als wären sie die allerliebenswertesten.“
Vor ein paar Wochen habe ich diesen Satz gehört. Eine kurze, scheinbar unspektakuläre Fürbitte in einem Gottesdienst. Aber sie hat sich festgesetzt in meinem Kopf. Wenn jetzt auch noch Hand, Fuß und Herz diese Bitte erfüllen könnten.
„Hilf uns, Menschen zu lieben, als wären sie die Allerliebenswertesten.“
Ich finde diese Bitte bemerkenswert, weil sie beides ist:
Einerseits trocken realistisch, sie sieht mich, wie ich bin.
Und andererseits nicht bereit, sich abzufinden damit wie ich bin.
Realistisch: Es wird nicht von mir erwartet, dass ich mich emotional übernehme: Ich muss nicht jeden Menschen liebenswert finden, wenn ich ein rechter Christ oder guter Mensch sein will. Es gibt Menschen, die ich nicht liebenswert finde. Und das dürfte wohl auch so bleiben.
Aber der christliche Glaube gibt sich mit dieser Grenze, die meine Natur setzt, nicht zufrieden. Im Gegenteil: Grenzen bringen die Phantasie des Glaubens in Gang. Der Glaube kann helfen, über meinen Schatten zu springen. Und anderen Menschen Liebes zu gönnen. Die zwar nicht ich, aber doch jedenfalls Gott liebenswert findet.

So bringt der Glaube eine neue Möglichkeit ins Spiel: Man kann andere so behandeln, als wären sie liebenswert. Aufs liebevolle Tun kommt es dann an, nicht auf mein Gefühl.
Wie beim Arzt. Ich erwarte nicht, dass er oder sie mich liebenswert findet. Ich hoffe, dass er oder sie mir gut tun. Ihr bestes Können und Wissen für mich einsetzen. Als wäre ich ihnen das Liebste.
„Hilf uns Menschen zu lieben, als wären sie die allerliebenswertesten.“ Vielleicht fragen Sie: Warum muss man so einen Satz erst beten? Warum nimmt er sich nicht einfach vor, danach zu tun. Warum dieser „Umweg“ über den liebenden Gott.
Weil ich jedenfalls an so einem Vorsatz scheitern würde. Ich habe oft schon die Erfahrung gemacht. Dass ich mich schwerlich selbst dazu anhalten kann, über meinen Schatten zu springen. Dazu ist immer eine kleine Verwandlung nötig. Es braucht eigene Anstrengung. Aber es gelingt nicht, wenn Gott mir nicht die Kraft dazu schenkt.
Deshalb bringen Christen so eine Bitte vor Gott. Sie stellt mich in ein komplexes Beziehungsdreieck: Ich und Gott, Gott und die anderen, die ihm gleich lieb sind wie ich. Und ich und die anderen Menschen. Beim Beten spreche ich meine Sehnsucht aus: Ich sehne mich nach  neuen Möglichkeiten meiner selbst. „Hilf mir andere zu lieben als wären sie die allerliebenswertesten“.

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