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SWR2 Wort zum Tag

Hintersinnige Gedanken kommen dem österreichischen Poeten Ernst Jandl beim Betrachten einer Sommerwiese. „wir sind die menschen auf den wiesen“, dichtet er, „bald sind wir menschen unter den wiesen/und werden wiesen, und werden wald/ - das wird ein heiterer landaufenthalt“.
Wer das bunte und lebensfrohe Treiben auf den Wiesen im Sommer anschaut, kommt wahrscheinlich nicht auf solche Gedanken. Aber ein Dichter schon! Der weiß nämlich, wie schnell Bilder und Situationen kippen können. Eben noch obenauf! Gleich schon unten drunter!
Übrigens ein alter biblischer Gedanke! Der Mensch ist in seinem Leben wie Gras, steht in einem Psalm. Eben noch grünt und blüht es. Aber ebenso schnell verwelkt es wieder.
Darüber kann einer schon ins Grübeln kommen. Ernst Jandl reagiert darauf mit sarkastischem Humor, wenn er folgert: „das wird ein heiterer landaufenthalt.“
Ähnlich und doch ganz anders zieht Paul Gerhardt ein paar hundert Jahre zuvor seine Schlüsse aus der Betrachtung der Natur. In seinem berühmten Sommerlied: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit“. Da ist die Rede von den Bäumen, die in vollem Laub stehen, den farbenprächtig geschmückten Gärten, von Wiesen und Feldern.
Doch dann verwandelt sich auch hier das idyllische Naturbild. Der Garten vor der Tür wird zum Ausblick auf den Paradiesgarten am Ende der Zeit. Denn, so Paul Gerhardt, wenn es „auf dieser armen Erde“, die voll ist von Mord und Totschlag, von Krieg und Kriegsgeschrei – wenn es schon hier so schöne Flecken gibt, wie mag es dort erst sein? Dort, wohin unser Denken und unsere Sprache nicht mehr reichen. Wo uns nur noch Bilder helfen.
Und es stimmt: wer das Leben als vorläufig betrachtet, verhindert totale Besitzansprüche. So schön eine Wiese auch ist, irgendwann werden wir drunter liegen. Daran erinnert uns Ernst Jandl. So bunt die Gärten blühen, sie bleiben nicht ewig. Aber sie können mich an die Ewigkeit erinnern. Davon spricht Paul Gerhardt.
Wer das Vorläufige nicht zum Endgültigen macht, eröffnet Spielräume. Und lässt Platz für die Zukunft. Dann kann ich schon im Hier und Heute entspannter und gelöster leben. Im Ausblick auf eine Zeit, wo nicht mehr der Eine dem Anderen sein Stück Erde streitig macht. Sondern wo Menschen sich gemeinsam um den ihnen anvertrauten Garten kümmern.

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