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SWR2 Wort zum Tag

Der Jahresbericht 2013 der Menschenrechtsorganisation „amnesty international“ nennt 112 Staaten, in denen Gefangene misshandelt oder gefoltert wurden. In 21 Staaten wurden Todesstrafen vollstreckt, und lediglich ein Drittel aller Staaten hat bislang die Todesstrafe per Gesetz oder praktisch abgeschafft.
Bisweilen erreichen mich Petitionen von Menschen- oder Bürgerrechtsorganisationen, die um Gnadengesuche für zum Tode Verurteilte bitten. Eine Unterschrift unter eine solche Petition ist eine einfache Sache. Was sie bewegen kann, steht auf einem anderen Blatt.
Und dann trifft mich das Bibelwort des Herrnhuter Losungskalenders für heute: „Befreie, die zum Tod geschleppt werden, und rette, die zur Hinrichtung wanken! Wenn du sagst: Sieh, wir haben das nicht gewusst! – wird er, der die Herzen prüft, es nicht durchschauen?“ (Buch der Sprüche Salomos, Kapitel 24, Vers 11 und 12)
Das Herrnhuter Losungsbuch enthält für jeden Tag eines Jahres eine per Los ausgewählte Bibelstelle. Die Worte aus der Bibel werden nicht bewusst ausgewählt; da wirkt keine theologische oder publizistische Regie im Hintergrund.
Erstaunlich, wie zeitgemäß dieses Wort aus dem Buch der Sprüche Salomos wirkt. Todgeweihte gab es auch schon vor mehr als 2000 Jahren – offenbar aber auch eine Menschlichkeit, die an der Unmenschlichkeit von Todesstrafen und Hinrichtungen Anstoß nahm. Genau genommen steckt aber noch mehr als bloße Humanität hinter diesem Protest. Die Todesstrafe ist endgültig. Sie durchkreuzt alle Zukunftswege eines Menschen, mag er unschuldig oder schuldig sein. Sie schneidet die entscheidende Perspektive möglicher Reue und Umkehr ab. Genau deshalb ist sie unmenschlich und maßt sich ein göttliches Urteil über Menschen an.
Gegen diese Anmaßung steht der Einspruch aus dem Buch der Sprüche Salomos. Und der Vers ist mehr als ein bloßes Gnadengesuch, mehr als ein juristisches Plädoyer. Er fordert zur Befreiung der von der Hinrichtung Bedrohten auf. Das ist Widerstand, Widerstand gegen die Unmenschlichkeit der Todesstrafe, die in der Mehrzahl aller Länder dieser Erde immer noch grausame Wirklichkeit ist.
„Befreie, die zum Tod geschleppt werden, und rette, die zur Hinrichtung wanken! Wenn du sagst: Sieh, wir haben das nicht gewusst! – wird er, der die Herzen prüft, es nicht durchschauen?“

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