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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Überflüssig, überflüssig! Ein ausgezeichnetes Wort habe ich da gefunden. Je tiefer ich in mich eindringe, je aufmerksamer ich meine ganze Vergangenheit betrachte, desto mehr überzeuge ich mich von der strengen Wahrheit dieses Ausdrucks. Ein überflüssiger Mensch – so ist es. Für andere Menschen als mich könnte dieses Wort nicht gebraucht werden.“ Vor 150 Jahre schrieb der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew das „Tagebuch eines überflüssigen Menschen“.
Damals war es ein einziger, der sich überflüssig fühlte. Heute sind es viele. Unsere Gesellschaft signalisiert Alten und Jungen gleichermaßen: „Wir brauchen euch nicht. Ihr kostet nur und bringt nichts ein. Wir wissen nicht, wohin mit euch.“ Hauptschulabschluss? Da gibt es besser qualifizierte Bewerber. Arbeitslos und über 50 Jahre alt? Viel zu teuer für das Erwerbsleben. Über 70 Jahre alt? Die Krankheiten kosten ein Vermögen. Pflegefall? Ja, wer soll das bezahlen und warum eigentlich?
Materiell gesehen bringen sie der Gesellschaft nichts ein, niemand kann Profit aus ihnen schlagen, sie sind nicht weiter zu verwerten. Jedem, dem bedeutet wird,:Du bist überflüssig, wird das Leben abgesprochen.
Auch Jesus endete dort, wo sich die Gesellschaft ihrer Überflüssigen entledigte. Er wurde mit zwei Überflüssigen gekreuzigt, zwei „Räubern“, wie es in der Bibel heißt. Die Gesellschaft, in der sie lebten, hatte entschieden: Wir können auf alle drei gut verzichten. Sie stören nur, sie gliedern sich nicht ein, sie gehen keiner ordentlichen Tätigkeit nach. Sie machen nur Ärger. Weg damit. Überflüssig.
Jesus aber hat uns immer wieder deutlich gemacht: Vor Gott zählt nicht, wie viel einer verdient und ob er überhaupt etwas verdient. Gott misst den Wert eines Menschen nicht nach der Gehaltstabelle und nach der Verwertbarkeit. Für ihn sind die Menschen keine Fabrikware der Natur. Es gibt für ihn keinen Menschen mit geringem oder mit höherem Wert. Gott ist der Vater aller Menschen, gleich welcher Herkunft, gleich welchen Geschlechts.
Es gibt überflüssige Anschaffungen, überflüssige Sorgen, überflüssige Worte. Aber wir Christen sind davon überzeugt: Es gibt auf der ganzen Welt keinen überflüssigen Menschen.


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