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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Wer jemals gekachelt hat, kennt diese kleinen Plastikdinger: Abstandhalter heißen sie. Zuerst setzt man die Kachel auf die Wand, dann kommt an jede Ecke ein Abstandhalter. Und dann die nächste Kachel und so weiter. Bevor man die ganze Sache verfugt, nimmt man Plastikdinger wieder heraus, schmiert die Fugenmasse rein und fertig ist die gekachelte Wand. Dank Abstandhalter sehen die Fugen nun gleichmäßig und gerade aus. Ohne Abstandhalter würden die Kacheln ineinander rutschen und von der Wand fallen.
Wenn Gott zwei Menschen zusammenfügt, wie es in der Bibel heißt, dann gibt er ihnen auch den Abstandhalter mit. Das ist in diesem Fall kein Plastikding, sondern die Mahnung: “In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“ Wie die Abstandhalter bei den Kacheln, so sorgen Respekt und Achtung für die nötige Distanz, damit zwei, die auf Dauer eng zusammenleben, die Nähe überhaupt ertragen können.
Nähe bedeutet Wärme, Geborgensein. Nähe heißt, sich kennen lernen, sich schwach zeigen können. Ohne eine solche Nähe lohnt sich das ganze Unternehmen Partnerschaft nicht.
Aber Nähe ohne Abstandhalter heißt mitunter: dem andern so nah auf die Pelle rücken, dass der sich nicht mehr rühren kann. Immer gefragt werden „Was denkst du jetzt?“ Keinen Schritt gehen dürfen, ohne dem anderen genau sagen zu müssen, wohin, mit wem und wie lange. Überwacht werden. Kein eigener Mensch mehr sein dürfen. Und darauf reagieren Frauen und Männer verständlicherweise mit Angst, mit Bosheit, manchmal sogar mit gewaltsamen Versuchen, sich aus der Umklammerung zu befreien.
Achtung und Respekt schaffen Distanz, einen Raum, in dem jeder sich bei aller Zweisamkeit frei fühlen kann, ohne einsam zu sein. Neben dem Recht auf Fragen muss es auch ein Recht auf Geheimnis geben. Die Abstandshalter zwischen den Kacheln zeigen: Gerade wenn man dem anderen auf Dauer nahe sein möchte, muss man ihm ein wenig fern bleiben.

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