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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Jedes Baby hungert nach Blickkontakt. Dass jemand es anschaut. Nach einem  liebevollen Blick. Da sind die anderen Gesichter wie Spiegel. Es sieht im Anderen ein Gegenüber, genau das, was es braucht. Um Wachsen und sich entwickeln zu können.  Sogar wissenschaftlich erforscht hat man das.
Da war die Mutter in der Straßenbahn, die wohl noch etwas Wichtiges mit dem Handy zu erledigen hatte. Und dabei nicht sieht, wie ihr Baby dauernd den Blickkontakt zu ihr sucht, sie eindringlich anschaut. Es ist sicher nicht immer so – aber jetzt gerade ist die Mutter viel zu beschäftig, um das zu merken. Und das sieht man ja oft – dass wir  Menschen an unseren Geräten hängen mit dem Blick und nicht an dem, der leibhaftig neben uns sitzt. Wahrscheinlich sehen manche irgendwann fast nur noch Gesichter in kleinen rechteckigen Kästen, und weniger die Gesichter aus Fleisch und Blut.
Aber Blickkontakt ist nicht nur für Kinder lebenswichtig. Da können wir noch so erwachsen und selbstbestimmt sein – ohne ein Gesicht, das uns freundlich anschaut, wird alles mühsam und einsam.  Deshalb heißt es am Ende eines Gottesdienstes auch immer, dass Gott uns anschaut. Und mehr noch: sein Gesicht möge über uns leuchten, heißt es.
„Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir“, so lautet der große Segensspruch in der Bibel. Leuchtende Augen, ein strahlendes Gesicht- das kann ich mir vorstellen, wenn ich von Gott reden will. Manchmal kann ich nicht sehen, ob mich jemand anschaut. Aber ich kann es fühlen. Und ich kann fühlen, ob es ein angenehmer, wohlwollender Blick ist oder ein ablehnender.
Bei diesem Wort von Gottes leuchtendem Angesicht, da  stelle ich mir die Sonne vor, die mit ihrem Leuchten Pflanzen wachsen und gedeihen lässt. Auch wir brauchen dieses Leuchten zum Wachsen und Gedeihen. Wo Gott uns so anschaut und wir einander liebend anschauen, da kann ein Mensch wachsen. Jedenfalls geht mir das so, wenn ich mich unsicher und alleine fühle. Ein aufmunternder Blick, ein echter Mensch an meiner Seite - dann ist auf einmal ganz viel möglich.

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