Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Wie oft scheitern große Pläne an den banalen Realitäten des Alltags? Visi¬onen und Utopien, gute Absichten und beste Zielvorstellungen bleiben auf der Strecke, weil man die Interessen und Eigenheiten der Menschen unter¬schätzt hat.
Hans Magnus ENZENSBERGER hat darüber einen Text geschrieben, den er nennt: „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“: „Einfach vortreff¬lich“, heißt es darin, „all diese großen Pläne: das Goldene Zeitalter, das Reich Gottes auf Erden, das Absterben des Staates. Durchaus einleuchtend. Wenn nur die Leute nicht wären!
Wenn es um die Befreiung der Menschheit geht, laufen sie zum Friseur … Statt um die gerechte Sache kämpfen sie mit Krampfadern und mit Masern. Im entscheidenden Augenblick suchen sie einen Briefkasten oder ein Bett. Kurz bevor das Millennium anbricht, kochen sie Windeln … Ja, wenn die Leute nicht wären, dann sähe die Sache schon anders aus.“
Ich entdecke in diesem Text von ENZENSBERGER eine mir sympathische, weil barmherzige Haltung. Sie äußert sich darin, dass sie nicht bereit ist, die kleinen Sorgen und Freuden des Alltags zugunsten einer höheren Idee zu opfern. Sie kennt die Geschichte, in deren Verlauf sich Unmenschlich¬keit und Menschenverachtung dadurch zu rechtfertigen wussten, dass es angeblich ja um höhere Ziele gehe.
Das konkrete Leben nicht der Vision der großen Utopie zu opfern, darum geht es auch Jesus. Mich beeindruckt sein Gleichnis vom verlorenen Schaf. „Was meint ihr“, so fragt er die Umstehenden, „wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eines unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das Verirrte? Und wenn’s geschieht, dass er’s findet, wahrlich, ich sage euch: er freut sich darüber mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.“
Gegen die Utopie der großen Zahl richtet Jesus seine Aufmerksamkeit auf das einzelne Leben. Gegen den Anspruch, alle erreichen und es allen recht machen zu müssen, nimmt er sich Zeit für die, die sich verlaufen haben.
Der Einzelne mit seiner einmaligen Lebenssituation ist für Jesus keine zu vernachlässigende Größe. Sondern die Bewährungsprobe für alles Planen und Handeln. Aus der Achtsamkeit für das Kleine kann dann auch das Große wachsen. Darum gehört das eine verlorene Schaf unverzichtbar dazu.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1773