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SWR2 Wort zum Tag

Was fehlt, wenn Kirchen schließen, verkauft oder abgerissen werden? Was fehlt, wenn ein Kirchenraum für den Gottesdienst plötzlich nicht mehr zur Verfügung steht?  Es fehlt Wesentliches. Es fehlt der bergende Raum.
In meiner Gemeinde St. Johannis in Mainz ist das so. Es fehlt der Kirchenraum, Er ist seit über einem Jahr eine Ausgrabungsstätte, ein Ort interessanter alter Funde, ein Juwel für jeden Archäologen. Spuren reichen bis in die frühkarolingische Zeit. Funde des alten Mainzer Doms und Reste eines noch älteren Baus wurden ausgegraben, so dass die Johanniskirche als die älteste Domkirche nördlich der Alpen gelten kann.
Was sagt mir das? Auch diese Kirche hat eine lange Geschichte. Viele Menschen haben an dieser Kirche gebaut, haben ihr eine Form und ein Gepräge gegeben, haben sie zu einem steinernen Credo gemacht. Heute ist sie Ort evangelischen Bekenntnisses.
Was aber fehlt, wenn dieser Kirchenraum nicht für Gottesdienste genutzt werden kann, weil er für eine zu lange Zeit eine Ausgrabungsstätte ist?  Es fehlt das Eintauchen-können in sein Schweigen.  Es fehlt der Klang der Orgel. Es fehlt ein Ort der Ruhe, der Stille, ein Raum für die Seele.
Diese Situation spricht Pascal Mercier in seinem Roman „Nachzug nach Lissabon“ an.  Da heißt es: Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und ihre Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt… Ich will mich einhüllen lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich will den rauschenden Klang der Orgel hören, diese Überschwemmung von überirdischen Tönen.
Was Mercier anspricht, ist die  Schönheit, die Erhabenheit, die von Kathedralen ausgeht. Für mich stehen sie für Beständigkeit, trotzen der geschäftigen Welt. Sie haben eine Vergangenheit und strahlen etwas aus, was Tradition symbolisiert: Gestalt gewordenes Gedächtnis.Ihre Ruhe im Innern steht gegen die Welt draußen. Es sind Orte des Glaubens, in denen viele Menschen seit Jahrhunderten von Jahren die Nähe Gottes suchen, Gottesdienste feiern, beten und singen; wo Menschen  ihre Hoffnungen aussprechen, sich von Gottes Wort trösten lassen. Betrete ich einen solchen Raum, dann werde ich hineingenommen in seine Geschichte, in das, was unzerstörbar und unverlierbar ist.
Wenn dieser Raum fehlt, fehlt für mich Entscheidendes, das Eintauchen- können in dieses Gestalt gewordene Gedächtnis.

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