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SWR2 Wort zum Tag

Auf meinem Schreibtisch steht ein Engel des Künstlers Karlheinz Oswald. Er hat ein menschliches Antlitz, ist mir zugewandt und hält Zwiesprache mit mir, ganz wie es Rainer Maria Rilke in einem Gedicht sagt: Denn da ist keine Stelle, die dich nicht ansieht… Seine ausgebreiteten segnenden Arme geben mir das Gefühl, behütet zu sein.
Das begegnet mir auch bei manchen Menschen, deren Augen  Wesentliches wahrnehmen. Gibt es das - Engel mit menschlichem Antlitz, die Wesentliches sehen?
Im Neuen Testament wird davon erzählt:
Da wird einer zusammengeschlagen und ausgeraubt. Halbtot bleibt er am Weg liegen. Einer, der wissen müsste, dass da geholfen werden muss, geht vorüber. Ebenso ein zweiter. Beide haben gute Gründe. Es gibt fast immer Gründe, sich abzuwenden und vorüberzugehen. Ein Dritter kommt vorbei. Ein Fremder. Aus Gründen der Religion ist er gesellschaftlich ein Außenseiter. Er gilt nichts, aber er hilft. Er hilft am Ort, und er versorgt den Verletzten für die nächste Zukunft. Er schenkt Zuwendung und Zeit und Geld. Ein Mensch ist gerettet.
Was mag der Gerettete empfunden haben, als sich ein Mensch über ihn beugt und wahrnimmt, was er braucht: Da sieht mich jemand in meiner Not, da ist keine Stelle, die (mich) nicht ansieht. Ein Fremder, von dem ich es nicht erwartet habe, wird mir zum Rettungsengel.
Solche Engel fliegen  nicht, sondern handeln auf der Erde.
Diese Geschichte, die Lukas erzählt, zeigt mir, wie ich auch von Engeln reden kann. Ich kann von ihnen erzählen, weil ich Unvermutetes erlebt habe. Ich tue es in der Sprache der Symbole, der Bilder und der Musik. Gegen Begriffe, gegen Definitionen sperren sie sich. Engel gehören zum schönsten, was die Erfahrung schenkt: Auf dieser Ebene gehören sie gleichsam zur Poesie, zu einer „Poesie des Glaubens“.
Der Künstler Karlheinz Oswald will mit seinem Engel davon etwas verdeutlichen: Es gibt offenbar Engel mit menschlichem Antlitz, mit menschlicher Gestalt, die um uns sind. Und ich lebe vielleicht öfter, als ich es merke, von der Zuwendung von Engeln.
Wenn ich von Engeln rede, dann will ich auch sagen, dass zu meinem Leben mehr gehört als das, was  logisch ableitbar ist. Es wird reich, wo Zuwendung erfahrbar wird.

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