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SWR2 Wort zum Tag

Sonntag und Alltag – das fällt bisweilen weit auseinander. Alltag – das ist harte Arbeit, für manche Arbeiten bis zum Umfallen, ein dicht gefüllter Terminkalender und das schwierige Jonglieren zwischen Beruf, Beziehung und Familie. Sonntag – das ist Freizeit und Entspannung pur, Ausflug ins Grüne oder einfach nur mal die Beine baumeln lassen.
Am ersten Mai ist das etwas anders – zumindest ursprünglich ist es einmal anders gedacht gewesen. Dieser Tag ist frei wegen der Arbeit, ein Gedenktag der Arbeit. Doch die Bedeutung der Kundgebungen und Demonstrationen ist zurückgegangen und einer quasi sonntäglichen Freizeitgestaltung gewichen.
Was gibt es am ersten Mai schon zu feiern? Gewiss: Arbeit, das heißt: Erwerbsarbeit, zu haben, ist auch heute keine Selbstverständlichkeit. Und oft genug herrschen dort, wo Menschen arbeiten, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Genau das macht den „Tag der Arbeit“ zu einem ebenso schwierigen wie unverzichtbaren Feiertag.
Schwierig ist er, weil es anstrengt, die willkommene Unterbrechung der Arbeitswoche für politische Debatten und Demonstrationen preiszugeben. Eine kleine Maiwanderung mit anschließendem Umtrunk oder ein genüsslicher Brunch in der Familie macht da einfach mehr Laune.
Doch der Tag der Arbeit ist eben auch unverzichtbar, weil er dazu zwingt, über die Bedingungen von Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft nachzudenken. Gerechtfertigt ist dieser Feiertag als freier Tag natürlich nur, wenn das dann auch geschieht. Der 1. Mai ist eine Unterbrechung unserer Arbeitsprozesse, um einen Schritt zurückzutreten und über die Arbeit zu reflektieren, vielleicht auch zu meditieren.
Die Bibel versteht menschliche Arbeit, auch die Erwerbsarbeit als etwas, das so selbstverständlich zum Menschsein gehört wie Essen und Trinken. Gerade die zweite Paradieserzählung macht das deutlich: Nach biblischen Vorstellungen ist das Paradies kein Schlaraffenland, in dem einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Auch im Paradies wird gearbeitet. Es ist die Mühsal, die die Arbeit „jenseits von Eden“ begleitet. Bildlich gesprochen: dass der Acker Dornen und Disteln trägt, ist der Fluch nach dem Sündenfall, nicht jedoch die Arbeit selbst.
Die biblische Schöpfungserzählung bestimmt den Menschen dazu, den Garten Gottes „zu bebauen und zu bewahren“ und damit am Schöpfungswerk Gottes weiter- und mitzuwirken – in seinem Sinne. Das macht die menschliche Arbeit zu einem Mandat Gottes und es spricht dem Menschen die hohe Fähigkeit zu, es mit seiner Arbeit Gott gleichzutun. Zugleich sorgt der Mensch mit seiner Arbeit für seinen Lebensunterhalt. Das macht ihn frei und – bei dieser Gelegenheit – die verbotene Frucht, die ohne Arbeit wächst und genossen wird, so verdächtig.
Arbeiten zu können und Arbeit zu haben, zeichnet den Menschen nach biblischem Verständnis also aus. Wir können sagen, der Mensch verwirklicht sich und seine Bestimmung – auch – in der Arbeit. Sie ist – modern gesprochen – ein Menschenrecht.
Genau darum aber ist Arbeit keine betriebswirtschaftliche Verfügungsmasse. Sie verdankt sich nicht der großmütigen Gönnerschaft einiger weniger, die über die Verteilung von Erwerbsarbeit verfügen. Sie darf unter dem Strich auch nicht das Rechenergebnis von Unternehmen sein und damit lediglich von Renditespannen abhängen.
Die klassische Redeweise von Arbeitgebern und Arbeitnehmern verdunkelt diese Zusammenhänge leider. Es ist die Sozialpflicht derer, die „Arbeitgeber“ genannt werden, für angemessene und menschenwürdige Erwerbsarbeitsplätze zu sorgen. Und es ist die Sache aller, daran zu erinnern und dies einzufordern – zum Beispiel an einem Tag wie dem heutigen.

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