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SWR2 Wort zum Tag

Im Norden Syriens, nahe der Grenze zur Türkei, liegen die Überreste des Simeon-Klosters, Qal’at Siman. Ob sie heute noch stehen? Vor vier Jahren noch war es einer der schönsten Plätze in der Nähe von Aleppo, Ausflugsziel für viele syrische Familien.
Wunderbar erhalten und archäologisch gut gesichert waren damals dort die Reste einer achteckigen Kirche zu sehen, umgeben von einem Klostergelände. Am Fuß des karstigen Hügelgeländes konnte man die Grundmauern von ehemaligen Pilgerherbergen erkennen. In der Mitte des Oktogons: der Fuß einer mächtigen Säule.
Auf ihr hatte Simon Stylites gelebt, vor 1.600 Jahren, ein sogenannter Säulenheiliger. Ein verrückter Kerl. Man hatte ihn aus seinem Kloster geworfen, weil seine asketischen Übungen zu exzessiv waren. Aber offensichtlich war seine Übersteigerung publikumswirksam, man traute ihm mehr Heiligkeit zu als allen anderen Gottesmännern. Die Massen strömten zu ihm, haben ihm die Fäden aus seinem Gewand gezogen, sie galten als heilkräftig. Um der Verehrung und den Berührungen zu entkommen, hat er eine Säule aufrichten lassen, 18 Meter hoch. Später hat man die Säule mit einer Kirche und einer Klosteranlage umbaut.
Der Säulenheilige war oben auf seiner Säule, aber er hat sich nicht zurückgezogen aus dem Leben. Er hat gepredigt. Sich in die Politik seiner Zeit eingemischt, für Arme und Unterdrückte und für die im Perserreich verfolgten Christen. Die Kaiser seiner Zeit mussten zu ihm auf die Säule steigen, wenn sie seinen Rat einholen wollten. Ein Gottesmann zwischen Himmel und Erde.
Ob der Tänzer und Künstler Erdem Gündüz von diesem Säulenheiligen gehört hat? Wundern würde es mich nicht. Acht Stunden hat er unbeweglich auf dem Taksim-Platz in Istanbul gestanden. Vor einem Jahr war das. Er stand gegenüber dem Denkmal Atatürks, um gegen die gewalttätige Räumung des Platzes durch die türkische Regierung zu protestieren. Ein stiller Protest, dieser „standing man“. Er ist wie ein Lauffeuer, durch twitter und andere soziale Medien verbreitet, um die Welt gegangen.
Gündüz ist Performance-Künstler, der künstlerische Ausdrucksformen sucht, die das Gewohnte stören und irritieren. Formen, die nicht im Privaten bleiben, sondern politisch werden, in diesem Fall durch das unbewegliche und ausdauernde Stehen-Bleiben und Hinschauen.
Stehenbleiben und damit gegen das Wegducken protestieren. Wenn jemand beschimpft wird. Wenn jemand weint. Wenn schon wieder dieselben Elendsnachrichten kommen. Wenn man am liebsten davon laufen möchte. Stehenbleiben.

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