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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Provinz: der Begriff verheißt nichts Gutes.Die Provinz gilt als rückständig und abgeschieden. Provinziell, das ist ein Schimpfwort.Aber Provinz lässt sich auch anders verstehen.

In den nächsten Tagen feiern Christen auf der ganzen Welt einen Mann, der aus der Provinz kam. Jesus von Nazareth, ein Provinzler, der seit fast 2000 Jahren im Mittelpunkt eines globalen Glaubens steht.

Es ist wahr: Jesus war aus der Provinz. Er lebt und predigt am See von Genezaret. Sein Leben spielt sich in einem Gebiet ab, das kleiner ist als das Saarland. Die Dörfer haben hier ein paar hundert Einwohner. Hier leben Kleinbauern und Fischer von der Hand in den Mund. 30 Jahre lang lebt dieser Jesus in solch provinziellen Verhältnissen. Sicher: Jesus kannte Städte. In seinen Geschichten erzählt er immer wieder von der Stadt, von Plätzen und Straßen, von Kaufleuten, Geldgeschäften und Richtern.Und schließlich wird er auch in der Stadt Jerusalem hingerichtet. Trotzdem bleibt Jesus provinziell.

Ein wichtiger Grund: Jesus sieht sich als Botschafter für die Menschen am Rand. Das wirtschaftliche Gefälle zwischen Stadt und Land ist zu seiner Zeit enorm. Auf dem Land leben die einfachen, ungebildeten und armen Leute. In den Städten sieht das anders aus. Da sitzt das Kapital, da wird gebaut und gehandelt.

Für mich liegt ein Geheimnis des Erfolgs des Christentums auch darin: dass es provinziell beginnt. Am Rand. Bei denen, die vor allem den heutigen Tag bestehen müssen. Die keine großen Pläne machen und viele Bankkonten verwalten müssen. Sondern bei denen, die dauernd um ihr Leben und ihre Zukunft bangen. Diesen Menschen, so verstehe ich Jesus, wendet sich Gott als erstes zu. Ich bin sicher, Gott ist für alle Menschen wichtig, aber denen, die nichts haben und besitzen, denen am Rand, denen gehört das Herz Gottes.

Wenn der neue Papst Franziskus betont, dass die Kirche für die Armen da ist, dann macht er auch die Kirche provinziell. Und führt sie damit an ihre Anfänge zurück. Kirche ist nicht für sich da, sondern für alle Menschen, die am Rand stehen. Provinziell sein, das Wort bekommt so einen anderen Klang. Es steht für: Beim Menschen sein.

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