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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Der Plan ist total verrückt. Da wollen ein paar Leute im schwäbischen Meßkirch eine Klosteranlage bauen. Ihre Grundlage: der über eintausend Jahre alte Klosterplan von St. Gallen – die einzige bekannte Architekturzeichnung Europas zwischen der Antike und dem späten Mittelalter. Auf dem Plan finden sich Grundrisse von über vierzig Gebäuden: Klosterkirche und Schreibstube, Unterkünfte und Schlafsäle, Friedhof und Gänsestall. Auch Gartenanlagen, Zäune, Mauern und Wege sind verzeichnet.

Verrückt wird der Bau dieses Klosters aber vor allem durch die Methode: die weitläufige Anlage soll wie im 9. Jahrhundertaufgebaut werden. Also: Kein Beton, kein Strom, kein Kran, keine Maschinen, keine Lastwagen. Die pure Handarbeit. Kein Wunder also, dass das Bauprojekt auf 40 Jahre angelegt ist. Handwerker und Mittelalterliebhaber, Wissenschaftler und Freiwillige sollen das Projekt stemmen. Und mancher, der jetzt mitarbeitet, wird den Abschluss der Arbeiten nicht mehr erleben – wie im Mittelalter eben auch.

Was ich spannend finde: Da wird ein Kloster gebaut – aber es sind gar keine Mönche, die da planen und bauen. Warum das Ganze? Auch wenn die Macher unterschiedliche Motive haben, für mich hat das Projekt viel mit dem Glauben zu tun. Die Klosteranlage in Meßkirch führt zurück zu den Quellen unserer westlichen, abendländischen Kultur. Sicher, in ganz Deutschland stehen Kirchen und Klöster aus mittelalterlicher Zeit. Aber wenn das Kloster langsam wächst, dann kann jeder miterleben, welche Leistung vor über 1000 Jahren unsere Vorfahren da vollbrachten. Es waren gläubige Menschen, die damals versucht haben, das Land urbar zu machen, die ihre Welt zu einem Abbild des Paradieses machen wollten. Wer will, kann also heute an der Klosteranlage sehen, was der Glaube für eine weltverändernde Kraft hat.

Mich fordert der Bau heraus, zu fragen, welche Kraft der Glaube heute hat. Und meine Antwort: es geht nicht mehr ums handwerkliche Bauen oder Urbarmachen. Aber es geht auch heute darum, aus dem Glauben heraus an der einen Welt zu arbeiten, in der Menschen leben können.

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