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SWR3 Gedanken

„Du erforschst mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe, so weißt du es.“
Nein, das sagt keiner, der vom NSA abgehört wird. Obwohl, das hat schon was davon, wenn es heißt: „Es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du nicht schon wüsstest.“
Wir leben in einer Zeit, in der wir ganz neu bestimmen müssen, was Privatsphäre eigentlich bedeutet. Wenn ich mir zu Hause im Internet zB. einen Schlafanzug bestelle, dann schickt mir jemand unaufgefordert Angebote für noch mehr Schlafanzüge. Und statt sich dafür zu schämen, in meinem Kleiderschrank rumzuschnüffeln, kommt die Message: Leute, sie so einen Schlafanzug gekauft haben, haben auch noch folgende Hausschuhe gekauft. Ja geht’s noch?
Vielleicht sehen viele das mit der Privatsphäre heute nicht mehr so eng. Für mich hat sie was Heiliges. Weil ich hier bin, wie ich bin. Mit allen Widersprüchen und Schwächen. Deshalb bin ich so verletzlich und brauche dort Schutz. Jemanden, der es gut mit mir meint. In biblischen Zeiten hat man das gewusst. Es gab einen Ort, an dem man vor Gewalt und polizeilichem Zugriff geschützt war: der Altar im Tempel. Und es gab einen virtuellen Raum, in den nur Gott Zutritt hatte. Und zu Gott haben sie in diesem virtuellen Raum gesagt:
„Du erforschst mich und kennst mich. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst die Hand über mir.“
Für unsere Vorfahren war es wichtig, Privatsphäre zu haben. Und ein Gegenüber, auf das man sich immer verlassen kann. Der nicht bloßstellt, sondern hilft, etwas selber zu erkennen. Der mich nicht zum Objekt seiner Interessen macht, sondern für mich da ist. Und so haben sie uns dieses Gebet hinterlassen.
„Du Gott, erforschst mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe, so weißt du es. Es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Gott nicht schon wüsstest. Erforsche mich, Gott und erkenne mein Herz. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf einem Weg, der Bestand hat.

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