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SWR3 Gedanken

Alle Menschen sind gleich und jeder hat eine Würde- jedenfalls vor dem Gesetz. Und theoretisch.
Aber praktisch? Wie ist das mit den Männern und Frauen, die in der Innenstadt rumsitzen. Hund im Arm und Pappbecher vor den Füßen. Gleichheit und Würde?
Viele Geschichten in der Bibel erzählen, wie Jesus vor solchen Leuten stehenbleibt. Er fragt sie, was sie wollen. Und dann heilt er sie oder sagt: nimm deine Decke und geh! Du bist gesund. Manchmal wär ich gern wie Jesus. Aber allein solche Leute anzusprechen fällt mir schon schwer.
Nicht einer Gruppe von Ärzten, die in Mainz unterwegs sind. Die kommen dem, was Jesus gemacht hat, ziemlich nah. Die gehen in die Hocke und dann reden sie mit denen „da unten“, sozusagen auf Augenhöhe. Hallo, wie geht’s? Kann ich helfen? Oder einfach nur: schönen Tag noch!
Sie tun es, weil sie an die „Gleichwürdigkeit“ glauben. Das Wort stammt von dem dänischen Familientherapeuten  Jesper Juul. Der hat nämlich gefragt, wie man als Erwachsener mit seinen Kindern redet. Mit welcher Haltung. Und er meint: am wichtigsten ist es, auf Augenhöhe zu gehen. Äußerlich und innerlich. Äußerlich, indem man in die Hocke geht. Innerlich, indem man die Bedürfnisse und Ängste genauso ernst nimmt wie die eigenen.
Gleichwürdigkeit- das ist Menschenwürde praktisch. Menschenwürde kann man sich ja nicht verdienen. Die hat man. Sie ist ein Gottesgeschenk. Weshalb man sie auch nicht sehen, sondern nur daran glauben kann. Und Erfahrungen damit machen.
Einer der Ärzte hat mir von seinen Erfahrungen mit den Wohnsitzlosen erzählt, die er  auf der Straße behandelt. Und er sagt, dass das für ihn wunderbare Begegnungen sind. Ehrlich, authentisch und mit großer gegenseitiger Wertschätzung. Das ist Gleichwürdigkeit. Praktisch gesehen.

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