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SWR3 Gedanken

Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber schaut das Herz an.
Steht in der Bibel. Oder anders gesagt: Gott sieht etwas, was du nicht siehst.
Das habe ich ganz neu verstanden, als ich eine Freundin wiedergesehen habe. Nach 40 Jahren.
Damals waren wir unzertrennlich. Rollschuhlaufen, Indianerspielen und jeden Samstag auf der Bordsteinkante hocken. Meine Freundin war nämlich katholisch und musste samstags immer beichten. Und weil ich als Evangelische da nicht mit rein durfte, hat sie mir das erklärt und mich gefragt, was sie denn beichten könnte. Immer hübsch unauffällig, nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich war ein ziemlich guter Beichtcoach und zum Dank dafür hat sie mich zur Sonntagsmesse mitgenommen und mir erklärt, wie das geht mit dem Sitzen, stehen, knien- warum es in ihrer Kirche Weihrauch und Messdiener gibt. Spannend!
In der Schule war meine Freundin immer besser als ich. Wofür ich sie schon beneidet hab. Und weshalb ich nicht verstanden habe, warum sie sich manchmal so anstellt, so zickig, so abweisend. Irgendwann ist unsere Freundschaft zerbröselt.
Und jetzt, nach 40 Jahren steht sie vor mir, ist überhaupt nicht zickig, sondern freut sich wirklich, mich zu sehen.
„Ich hab dich früher so beneidet!“ sagt sie irgendwann. Ich bin baff. „Was? Du mich? Du warst doch immer besser in der Schule!“  – „Ich war neidisch auf deine Familie. Dass ihr morgens miteinander gefrühstückt habt. Jeden Morgen.“- Ihre Stimme wird zittrig. „Meine Familie ist nie mit mir aufgestanden. Mein Pausenbrot hab ich mir immer selber zusammengesucht und bin im Halbdunkel aus dem Haus geschlichen.“
Ich spüre ihre Einsamkeit, ihren Schmerz. Nach so vielen Jahren. Und es tut mir so leid. „Aber warum hast du mir nichts gesagt?“ -“ Ich hab mich geschämt! Sagt sie, ich war ja noch ein Kind. Und du auch.“
Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Aber Gott schaut das Herz an. Und manchmal schenkt er einem das Glück, jemandem auch ins Herz schauen zu dürfen.

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