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SWR2 Wort zum Tag

Ich kann in keinem Weg mehr einen Weg sehen, sagt Ingeborg Bachmann in einem Gedicht.Wer spricht so?Eine Verzweifelte, die keine Perspektive, keinen Ausweg mehr sieht. Vielleicht ein Mensch, der sich verrannt hat, der durch Verluste einsam und mutlos geworden ist.
Bin ich das nicht auch oft - mutlos? Weil sich Hoffnungen zerschlagen haben, Enttäuschungen mich niederdrücken. Wie gehe ich damit um? Versinke ich in Trauer,  verschließe die Augen vor der Wirklichkeit, suche Abstand?
Distanz gewinnen. Das wollen auch zwei Jünger Jesu. Nur weg von Jerusalem. Weg von Golgatha, von den Weggefährten, weg vom Ende der Hoffnungen. In sich gekehrt gehen sie ihren Weg nach Emmaus, in ihr Dorf, als hätte es den Aufbruch mit Jesus nicht gegeben. Jesu Tod hat alle ihre Hoffnungen zunichte gemacht.
Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde…
Ich  hatte gehofft… Wie oft sage ich diese Worte im Blick auf meine Enttäuschungen. Ich hatte gehofft…
Unterwegs reden die Jünger miteinander über die Vergangenheit. Ihr Blick zurück hindert sie, offen für die Zukunft zu sein. Und während sie verzagen und verstummen wollen, da gesellt sich ein Fremder zu ihnen. Er geht mit ihnen, teilt ihren Weg. Er bleibt bei ihnen in der dunklen Stunde, wo sie in keinem Weg mehr einen Weg sehen. Sie sprechen über ihre Traurigkeit, über das, was ihr Denken und ihren Glauben bisher erfüllt hat. Es sind Gespräche auf dem Weg, die der Trauer eine Sprache geben. Der Fremde verändert ihren Blick, deutet ihre Erfahrung von Kreuz und Leiden neu.
Der Evangelist Lukas hat diesen Weg der beiden Jünger als einen Weg von der Blindheit zum Sehen beschrieben. Als der Fremde mit ihnen das Brot teilt, werden ihre Augen geöffnet. Sie erkennen: Jesu Tod ist nicht das Ende. Er ist auferstanden. Aus er Dunkelheit des Todes, des Verlustes wird etwas hell, was ihnen Kraft und Hoffnung zum Leben gibt. Sie begreifen: Jesu Auferstehung hat etwas zu tun mit dem Weg, den sie gehen, mit den Gesprächen auf dem Weg und dem gemeinsamen Mahl. In diesem Gefüge teilt er ihren Weg, teilt er sich ihnen mit.
Diese Erfahrung der Jünger hat für mich etwas Ermutigendes. Wie sie kann auch ich erkennen: Jesus lebt nach seinem Tod auch in meinem Leben weiter, wo und wie ich in seinem Namen lebe, handle und arbeite, so dass die Welt und das Leben nicht bleiben, wie sie sind. Auferstehung – das ist der immer neue Traum vom neuen Leben.

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