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SWR4 Abendgedanken RP

Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. –
Jesus hat das gesagt und bei uns in Bad Kreuznach nehmen das einige Familien wörtlich. Sie nehmen Kinder und Jugendliche aus Weißrussland für einige Zeit bei sich auf. Seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl vor 21 Jahren helfen sie Kindern, über die Folgen dieser Katastrophe hinwegzukommen.

Erika Vollmer:
Ich mache diese Arbeit, weil ich hoffe, wenn ich nur einem einzigen Kind helfen kann, dass es als Erwachsene sein Leben verändern kann – dort – dann ist das schon ein Gewinn.


Wie diese Arbeit begann, wie sie heute aussieht und wie aus Fremden Freunde werden, darum soll es im heutigen Blickpunkt gehen.

Teil I
Seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl gibt es eine Aktion verschiedener Kirchengemeinden rund um Bad Kreuznach. Sie nehmen Kinder aus Tschernobyl bei sich auf. Zum Beispiel, Lena, Katja und Sergej, 10, 13 und 14 Jahre alt

Lena, 10 Jahre alt, aus Krasnopolje
Übersetzung: Als ich zum zweiten Mal kam, kannte ich meine Gasteltern schon sehr gut. Und sie halfen mir, diese Angst vor dem fremden Land zu besiegen. Und jetzt fühle ich mich nicht mehr fremd.
Katja, 13 Jahre alt, aus Krasnopolje
Hier essen wir pünktlich und gesund. Zum Frühstück essen wir hier nur Milchprodukte. Zu Hause esse ich ein bisschen anders.
Sergej, 14 Jahre alt
Von einer Seite ist es natürlich sehr schwierig. Ich liebe meine Gasteltern. Aber auf der anderen Seite bin ich froh, wenn ich auch wieder nach Hause fahre. Das ist meine Heimat.


Von weit her haben sich Lena, Katja und Sergej aufgemacht, um hier für einige Wochen auszuruhen und sich zu erholen. Alle sind nicht zum ersten Mal hier, und die Gegend rund um Bad Kreuznach ist ihnen schon zur zweiten Heimat geworden. Sie lieben ihre Gasteltern, genießen das gesunde Essen. Und trotz allem, sie freuen sich auch wieder auf zu Hause. Zu Hause, das ist für sie die Stadt Krasnopolje in Weißrussland. Dort verbindet Lena, Katja, Sergej und die anderen Kinder das gleiche Schicksal.
Sie leiden – wie die Generation ihrer Eltern – heute noch an den Spätfolgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl, bei uns fast schon in Vergessenheit geraten. Es war der 26. April 1986, als eine radioaktive Wolke über Weißrussland, Russland, Nordeuropa und sogar teilweise bis zu uns kam. 10 Millionen Menschen, darunter 500.000 Kinder in der direkten Region um den Reaktor waren, sind seitdem davon betroffen. Immunschwächen und vergrößerte Organe sind die häufigsten Beeinträchtigungen, die sie zu tragen haben.
Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Einfach gut, wenn Menschen ’mal ganz wörtlich nehmen, was Jesus sagt.
Erika Vollmer und viele andere bei uns in der Gegend um Bad Kreuznach tun das seit nunmehr 20 Jahren. Gleich nach der Katastrophe haben sie 6 Hilfskonvois mit 91 Tonnen Hilfsgüter nach Krasnopolje geleitet. Aus einer Elterninitiative entstand der Verein “Den Kindern aus Tschernobyl“, dessen Mitglieder seit mehr als 15 Jahren Kinder und Jugendliche aus der Gegend um Tschernobyl aufnehmen. Erika Vollmer ist unermüdlicher Motor dieser Aktion von Anfang an.

Erika Vollmer
Mir gibt die Arbeit Unheimlich viel. Ich muss sagen, ich hab in meinem Leben noch nie etwas gemacht, was mich so zufrieden gemacht hat, befriedigt hat.


Teil II
Menschen engagieren sich für Kinder aus der Gegend von Tschernobyl – darum geht es im heutigen SWR 4 Blickpunkt Kirche.

Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen, sagt Jesus. Für Erika Vollmer wurde das konkret, als sie vor 15 Jahren einen Aufruf der Landesregierung hörte. Man suchte Gasteltern, die Kinder aus der verstrahlten Gegend von Tschernobyl aufnehmen könnten. Eigentlich wollte sie nur zwei Kinder aufnehmen. Doch damit die beiden nicht allein bleiben, machte sie eifrig Reklame für die Idee. Im Nu hatte sie Gastfamilien für 60 Kinder gefunden. Mit viel Freude organisierte sie den Aufenthalt für alle. Spätestens beim Abschied der Kinder war ihr klar, dass sie mit dieser Aktion eine Lebensaufgabe gefunden hatte.

Erika Vollmer
Alle Kinder haben geweint, alle Erwachsenen haben geweint, das waren herzzerreißende Szenen. Wir haben zu dem Zeitpunkt nicht gewusst, ob die Kinder jemals wieder kommen können. Aber es war dann auch relativ schnell klar, dass die Kinder weiter kommen können. Wir haben viele Brücken gebaut von Familien zu Familien, von Kindern zu Kindern.


Und so stehen ihnen die Folgen der Katastrophe heute noch vor Augen. Zwanzig Jahre ist das nun her. Aus unseren Köpfen ist das Grauen längst verschwunden. Krankheiten in den Familien, verstrahlte, unbebaubare Erde, von all dem konnte sich Erika Vollmer bei vielen Besuchen, auch in den heute noch verbotenen Zonen, selbst überzeugen.

Erika Vollmer
Nun das macht mich schon sehr traurig. Und es ist für die Menschen dort einfach katastrophal, dass es hier vergessen wird, dass die gesundheitlichen Auswirkungen in vielen hundert Jahren noch sind und noch stärker werden als sie waren bisher .


Jesus ruft immer wieder dazu auf, das eigene Verhalten zu überdenken und es zu verändern. Zum Beispiel in der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Da fällt einer unter die Räuber und liegt verletzt am Wegrand. Einige gehen vorbei, haben es eilig. Aber einer hält an, ändert seine Pläne und tut, was für den Verletzten gerade mal nötig ist. Er verbindet seine Wunden und sorgt für ihn in der nächsten Herberge. Am Ende dieser Geschichte wendet sich Jesus an seine Hörer und sagt zu ihnen: „So geh hin und handle ebenso!“ Erika Vollmer:

Erika Vollmer
Ich denke, mein Glaube und meine Sichtweise war vorher auch schon da. Nur habe ich jetzt zum ersten Mal etwas praktisch tun können oder das Gefühl gehabt, praktisch etwas tun zu können. Das hat mich schon auch verändert. Für mich ist das einfach praktizierte Nächstenliebe.


Teil III
SWR 4 Blickpunkt Kirche – Wie aus Fremden nicht nur Freunde, sondern Familienmitglieder werden, hat Kläre Kolb aus Bad Kreuznach erlebt. Sie nimmt seit vielen Jahren Kinder aus Tschernobyl bei sich zu Hause auf.

Kläre Kolb
Das mache ich sehr gerne und habe von Anfang an die Betreuerin Ludmilla bei uns wohnen mit ihrer Tochter am Anfang, dann mit anderen Kindern und jetzt sogar mit ihrer Enkelin. Für Ludmilla ist es wie ein Zuhause, sie lebt in unserem Haus wie unsere Schwester, ihre Familie ist uns sehr, sehr nahe, es ist praktisch unsere Familie geworden.


Und sie freut sich jedes Mal, wenn der Besuch wieder ansteht. Selbst war sie oft schon zu Gegenbesuchen und freut sich, eigentlich in zwei Familien leben zu dürfen. Gleichzeitig macht sie sich aber auch Sorgen um die Zukunft.

Kläre Kolb
Es drängt für die nächsten Jahre, vor allem, dass wir junge Gasteltern finden, weil wir sind ja jetzt schon in der zweiten, fast in der dritten Generation, wo wir Kinder einladen aus der Gegend von Tschernobyl.


Aber es müssen nicht nur junge Gasteltern sein. Das Ehepaar Buchmann hat diese Aktion eine Zeitlang beobachtet. Seit beide im Ruhestand sind, haben sie sich dem Verein „Den Kindern von Tschernobyl“ angeschlossen. Gisela Buchmann erinnert sich noch gut an den Moment, als sie ihre beiden Ferienkinder, zwei siebenjährige Mädchen zum ersten Mal sah.

Gisela Buchmann
Als sie aus dem Bus stiegen, standen sie so wie zwei scheue Rehe am Bus und guckten, welche Gasteltern wir wären. Und dann haben wir sie ins Auto geladen. Und als wir zu Hause waren, sind wir gleich mit unseren Hunden spazieren gegangen. Und da war der Kontakt ganz schnell geschlossen.
Gisela und Irmfried Buchmann wissen, dass sie in den Augen der Kinder eher Großeltern sind. Aber sie haben für den großen Altersunterschied gleich eine praktische Lösung gefunden.

Irmfried Buchmann
Ja, das war gleich am Anfang, da haben wir gleich beim ersten Spaziergang gesagt, das ist die Babuschka und ich bin der Diebuschka, das ist also Großmutter und Großvater. Das haben die auch gleich angenommen. Und seit der Zeit haben die ersten Kinder das so behalten und jetzt die zweiten auch.


Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen, sagt Jesus. Die Begegnung zwischen den Gasteltern und den Kindern aus Weißrussland lassen das Wirklichkeit werden. Evangelium konkret. Dieses Beispiel kann Mut machen, sich auch irgendwo zu engagieren. Dazu fordert uns Jesus auf, wenn er hinzufügt: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
Gisela Buchmann möchte sich so von Jesus leiten lassen.

Gisela Buchmann:
Es gibt so einen Satz, der für mich immer so wie ein Leitfaden gewesen ist: Denke bei allem, was du tust, hätte Christus das getan? Das ist genug!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1718