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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber schaut das Herz an.
Das habe ich jetzt ganz neu verstanden. Als ich meine Freundin von früher wiedergesehen habe. Nach 40 Jahren.
Sie war wie ich 5 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern in unser Dorf kam. Schon wieder Katholiken! Haben die Leute gesagt. Die bringen unsere schöne protestantische Ordnung durcheinander!
Meine Freundin musste jeden Samstag erst in die Badewanne und dann zur Beichte. Ich wäre gerne mit, aber ich war ja evangelisch. Also haben wir uns auf die Bordsteinkante vor der Kirche gesetzt und ich hab ihr vorgeschlagen, was sie beichten könnte- nicht zu viel und nicht zu wenig. Als Dank fürs Beichtcoaching hat sie mich zur Sonntagsmesse mitgenommen.
Meine Freundin war immer eine halbe Note besser als ich. Das hat mich manchmal gekratzt, aber sie war nun mal meine Freundin.
Irgendwann fing es an. Da wurde sie auf einmal verschlossen und zickig. Ich konnte mir keinen Reim drauf machen. Und so ist die Freundschaft auseinander gegangen.
Und jetzt steht sie vor mir, nach 40 Jahren. Ihr damals tiefschwarzes Haar ist jetzt grau. Ihr Gesicht hat Fältchen. Aber es ist nicht mehr verschlossen. Sie freut sich wirklich, mich zu sehen.
„Übrigens- ich hab dich früher immer beneidet! Sagt sie irgendwann. – Was? Du mich? Du warst doch die Bessere in der Schule! Sag ich. – Ich war neidisch, dass du morgens mit deiner Familie gefrühstückt hast. Dass deine Mutter dir ein Pausenbrot geschmiert hat. Meine Familie ist nie mit mir aufgestanden. Ich hab mir morgens immer mein Pausenbrot zusammengesucht und bin im Dunkeln aus dem Haus geschlichen. – Ich spüre ihren Schmerz und es tut mir so leid. Warum hast du nichts gesagt? frage ich sie.- Ich hab mich so geschämt, damals, ich konnte nichts sagen. Ich war ja noch ein Kind. Und du auch.
Der Mensch sieht, was vor Augen. Aber Gott schaut das Herz an. Und manchmal schenkt er das Glück, einem Anderen auch ins Herz schauen zu dürfen.
An diesem Abend haben wir noch lange erzählt und gekichert. Wie die kleinen Mädchen, damals auf der Bordsteinkante vor der Kirche. Beim Beichtcoaching. Versöhnte Verschiedenheit. Ihrer Zeit weit voraus.

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